Die Pille zu nehmen ist, wie sich nach dem Zähneputzen den Mund auszuspülen. Nicht weiter erwähnenswert. Es scheint, als gehörten das Einsetzen der Menstruation, also das biologische Frauwerden, mit der ersten Pilleneinnahme zusammen. Spätestens der erste Freund stellt eine oft jahrzehntelang andauernde Veränderung des Hormonhaushaltes bei einem Großteil junger Mädchen da. Wie ein Ausdruck sexueller Befreiung zu einem Verstärker depressiver Identitätskrisen wurde und warum wir uns davon emanzipieren sollten. 

Ich bin 22 Jahre alt. Ich hatte einen Freund, bevor ich meine Periode zum ersten Mal bekommen habe. Damals war ich 16. Mit meinem Freund sprach ich nicht über Verhütung, weil man über Sex nicht redete, dachten wir. Biologisch war es noch nicht möglich, schwanger zu werden, trotzdem fing ich an, die Pille zu nehmen. Unaufgeklärt und unreflektiert. Ich war stolz und stellte mir den Wecker, jeden Abend, 18 Uhr, "bettersafethansorry". Ich hatte von meinen Freundinnen gehört, dass die Brüste wachsen würden, die Haut reiner, das Haar voller würde. Ich kam mir endlich vor, wie eine richtige Frau. Lässt sich eine richtige Frau mit Hormonen behandeln, obwohl sie gesund ist? Setzt sich eine richtige Frau freiwillig erheblichen Gesundheitsrisiken aus? Ist eine richtige Frau schön, weil vollbusig, glatt, glänzend?

In Deutschland nehmen, laut dem Pillenreport 2015 der Techniker Krankenkasse knapp sieben Millionen Frauen im gebärfähigen Alter die Pille. Das sind knapp über 50%. Alternative Verhütungsmittel werden oft gar nicht vorgeschlagen, die Wirkungsweise wird nicht erklärt, die Nebenwirkungen nicht aufgezeigt. Wenn man ein pubertierendes Mädchen, das sich den BH mit Socken ausstopft, um weiblicher auszusehen, weil es gelernt hat, dass Weiblichkeit sich auf diese Weise äußert, fragt, wie die Pille wirkt, dann lacht sie wahrscheinlich. Weil es nicht nur peinlich ist, nicht zu wissen, was man jeden Tag schluckt, sondern auf eine erschreckend selbstverständliche Weise unverantwortlich. Es gibt aktuell mehr als 50 verschiedene Präparate: Eine unterschiedlich stark ausgeprägte Kombination aus den Hormonen Östrogen und Gestagen. Diese Kombination, die Anti-Babypille, hemmt im Gehirn die Bindung von Botenstoffen, die für den Eisprung verantwortlich sind. Außerdem wird der Schleim in dem Gebärmutterhalskanal verdickt, ein Ei könnte sich unmöglich einnisten. Mädels, wir sind quasi permanent schwanger. Und das auf eine so "leichte und unkomplizierte" Weise, wie die Pharmaindustrie zu schreiben pflegt.

Die Vorstellung einer von mir erzeugten, permanenten Scheinschwangerschaft, finde ich retrospektiv sehr abstoßend. Nicht nur, weil es unnatürlich ist, sondern auch, weil ich meinem Körper den damit verbundenen Stress nicht hätte zumuten sollen. Der "Meilenstein der Emanzipation" (ja, Alice, vielleicht für deine Libido), war für mich ein Brocken nicht zu definierender, labiler Emotionalität. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht und ich weiß auch, dass man sich eine Veränderung auf diese Art nicht vorstellen kann. Nicht nur, weil man die Anfänge sexueller Lustgefühle mit der Pilleneinnahme in der Abschwächung der Libido erstickt hat, sondern auch, weil man es nicht anders kennt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir schlucken ja auch Antibiotika, wenn wir Geflügel essen.

Let's talk about sex, baby!

Die Vorteile der Pille hatte ich bereits erwähnt. Sie wird heute nicht mehr nur als Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen angeboten (was sie außerdem niemals vordergründig war und was eine Marketinglüge ist), sie wird angepriesen als Wundermittel für Busen, Haut und Haar. Wie die Pille beworben wird, auch frauenpraxenintern, ist nicht nur größtenteils unzureichend, es fördert außerdem ein Schönheitsideal, was ich mir überwunden wünschen würde. Es gibt keine Katalog-Frau und wenn doch, dann sollten wir alles tun, um nicht so auszusehen, wie sie. "Nie mehr an Verhütung denken", schreibt ein berühmter Pharmakonzern. Und was ist mit Schutz? Hättet ihr lieber ein Baby, oder HIV? Ihr seht, die Liste der Vorteile ist so kurz wie nicht vorhanden oder diskutierfähig. Und die Nachteile? "Lass mich in Ruhe, Mama", habe ich vor drei Jahren gesagt, als sie mit mir über alternative Verhütung sprechen wollte. Mit 19 bekommt man keine Thrombose. Generell ist man mit 19 unsterblich. Ich könnte die Nachteile herunterrattern, ich tue es auch, aber unter der Überschrift: erhebliche Gesundheitsrisiken (von wesentlich zu abstrakt, von nachfühlbar bis unvorstellbar, damit der Spannungsbogen länger anhält): Migräne, Zwischenblutungen, Spannungsgefühle in den Brüsten, eine Veränderung des Fettstoffwechsels und der Leberwerte, Bluthochdruck, Thrombose, Lungenembolien. Außerdem hört die Gebärmutter frühzeitig auf zu wachsen und die Libido wird gemindert. Das kann man nachlesen und es ist so wissenschaftlich wie emotionslos rezipierbar. Ich möchte eine Nebenwirkung hinzufügen, die wissenschaftlich nicht nachweisbar, aber mindestens genauso wichtig zu benennen ist. Meine Aussagen sind Annahmen, die sich aus meinen, sowie aus den Erfahrungen sämtlicher Frauen, speisen. Außerdem stützen sie sich auf Studien der Universität Kopenhagen, die einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva und der Antibabypille nachweisen konnte. Die Pille verändert die Psyche und die Gefühle, fördert Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen. "Gestresst. Permanent gestresst. Und nah am Wasser gebaut", sagt meine beste Freundin über einen Alltag mit der Antibabypille. Ich kenne das von mir auch. Vor allem in der Woche vor der Menstruation fühlt sich die Welt ein bisschen kälter an. Während die Pille für die Frauen der 68er Bewegung sexuelle Befreiung bedeutete, schränkt sie meine Generation ein. Wir wissen jetzt, dass Frauen auch Lust auf Sex haben, der Diskurskampf ist gewonnen, theoretisch. Praktisch vermischt sich Wollen und Haben, Ist und Soll: Lust auf Sex wird zum normativen Anspruch in einer Zeit, in der Frauen Feministinnen sind. Es ist nicht schlimm, nicht zu wollen. Es ist schlimm, zu wollen, aber fremdgesteuert von dem Gefühl entfremdet zu sein. Mädels, setzt die Pille ab! Eure Libido möchte euch sicherlich kennenlernen.

"Schwierig", hat meine Mutter gesagt, als ich ihr die ersten Zeilen dieses Kommentars vorgelesen habe. "Es gibt Mädchen, die müssen die Pille halt nehmen." Das mag in den Köpfen der Menschen durchaus so sein, weil wir, der Theorie der kognitiven Dissonanz folgend, nur glauben, was unsere bisherigen Einstellungen stützt. Es gibt sehr viele alternative Verhütungsmittel, auch reversible Langzeitkontrazeptiva. Und so lange ich überlege, ob mir die Kupferkette oder die Kupferspirale weniger wahrscheinlich in die Bauchhöhle rutscht, könnte doch bitte endlich die Pille für den Mann auf den Markt gebracht werden. Es wird Zeit. Zur Recherche dieses Textes habe ich in die Suchmaschine eingegeben: "Wie viele Frauen nehmen..."; der erste Treffer war "die Pille", der zweite "den Namen des Mannes an". Wo sind Chefposition oder Elternzeit, wenn man sie mal braucht? In den Untiefen des Patriarchats, wahrscheinlich. Mit einigen, von Alice Schwarzer handsignierten Ausgaben der EMMA - was für eine Befreiung. 

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