Ich fühle mich, als würde ich schweben. Alles fühlt sich an, wie ein sehr intensiver Traum. Jeden Tag passiert so viel, dass ich nachts kaum schlafen kann, weil mein reizüberfluteter Körper im Verarbeitungsstau steckt. Auf dem Camino ist man kaum alleine. Es ist viel schwieriger, als gedacht, Zeit zum Schreiben zu finden. Paolo und Katja, mit denen ich seit zwei Tagen unterwegs bin, meine kleine Camino-Familie für den Moment, ruhen sich aus. Wir sind heute schon wieder fast 28 Kilometer gelaufen. Ich sitze auf einem Flickenteppich, neben mir liegt eine brasilianische Flagge, es riecht nach Räucherstäbchen, ich höre Natalias Stimme. Wir schlafen heute in einer privaten Unterkunft, ich kann kein Kloster mehr sehen, keine Feldbetten, keine hundert Menschen. Es ist wunderschön hier und ich fühle mich zuhause. In einer Stunde gibt es Abendessen, ich habe nicht viel Zeit zum Schreiben, ich hoffe ich kann in Worte fassen, was mir die letzten Tage passiert ist.

Gestern wollte ich nach Hause fahren. Nicht wirklich. Nicht so wirklich, dass ich nach Zugtickets geschaut hätte, aber so, dass ich weinend durch die Straßen Pamplonas gelaufen bin, während mir Pilgerscharen entgegen gekommen sind. Ich musste gestern zwangsweise eine Pause einlegen, weil ich so Knieschmerzen habe. So deutsch wie ich bin habe ich eine Bandage für mein rechtes Knie dabei. Mein linkes tut weh. Ich habe sämtliche Medikamente dabei, aber keine Schmerzsalbe. Um meinen freien Tag nicht zu verschwenden, habe ich mich in die öffentliche Bibliothek gesetzt, ich Sparfuchs, um über die Erlebnisse der letzten Tage zu schreiben. Niemand hat mir gesagt, dass sich der Computer nach 60 Minuten automatisch abschaltet. Mein Text hatte sich damit erledigt. Ich war kurz davor nach Zugtickets zu schauen, eine schwarze Wolke über Pamplona. Bocadillo und Mittagsschlaf haben mich gerettet, gestern habe ich wieder gemerkt, wie wichtig es für mich ist, genug zu schlafen. „Du bist den ganzen Tag gelaufen, natürlich kannst du schlafen“, sagt mein Kumpel vor der Reise. Ich kann nicht. Die öffentlichen Herbergen sind nicht das Problem, es sind mehr die Menschenmassen und das frühe Aufstehen. Ich schrecke hoch, wenn sich die Person im Bett unter mir bewegt. Wenn jemand aufsteht. Wenn jemand schnarcht. Wenn es regnet. Mein Körper ist in Alarmstellung und ich weiß nicht warum.

Andrew macht Armbänder. Er stanzt ein Wort auf eine dünne Eisenplatte und bindet sie an ein Lederband. Wir sitzen irgendwo vor Pamplona im Wald. Er fragt mich, welches Wort mich begleiten soll. Ich weiß keine Antwort. Balance, denke ich gerade. Oder Vertrauen. Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass ich doch ängstlicher bin, als ich dachte. „You can trust me”, sagt Paolo, als ich meinen Bagpack bei ihm stehen lasse, während ich in die Bibliothek gehe. Mein Bagpack ist meine Sicherheit, mein Bagpack ist mein Zuhause. Ich muss mich überwinden, ich übe mich in Vertrauen. Natalia lacht. „Are you a writer?“ „I Think yes“, sage ich. Wir lächeln uns an. 

Ich rede mit Katja viel über Tempo. Wir haben viel Zeit jeden Tag. 28 Kilometer sind lang. Heute war der erste Tag, an dem ich meinen Rucksack kaum gespürt habe. An den ersten Tagen waren meine Beckenknochen blau. Heute geht’s. Ich würde es nicht nach Santiago schaffen, hat Gerry aus Frankreich gesagt. Ich wäre zu klein und zu schmal. Ich fühle mich nicht klein und schmal, ich fühle mich stark und ziemlich groß, wenn ich mit meinen Rucksack durch Felder und Wiesen laufe. Ich fühle mich als Teil der Natur. Ich nehme Geräusche ganz anders wahr, ich sehe Blumen, die ich vorher noch nie gesehen habe, ich rieche das Grün der Wiese, ich rieche den holzigen Waldboden, ich rieche bittersüßen Frühlingsregen, meine Sinne sind so scharf und frei, ich fühle mich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht betäubt, sondern pur. „Freedom“, sagt Paolo heute, als wir den steinigen Hang Richtung Puente La Reine hinauf klettern. Ich nicke, er gibt mir seine Hand, Freedom, denke ich nochmal. 

Weil ich gestern Nacht das erste Mal gut geschlafen und heute viel gefrühstückt habe, ist der Weg für mich leichter, mein Geist ist entspannt, meine Seele schwebt, mein Herz ist offen. Das Wetter ist wunderbar, auf einem Hügel inmitten von Rapsfeldern, lerne ich Pau kennen. Mit Pamplonas Schatten werden auch meine Knieschmerzen weniger. Pau ist jünger als ich. Der erste, den ich treffe. Er raucht einen Joint, ich streichle seinen Hund, wir reden Spanisch, wir versuchen es, ich mag ihn sofort. Er zeltet, weil Noah nicht überall akzeptiert wird. Wir füttern ihn mit Baguette und Thunfisch, Paus Nase ist rot, wir sitzen auf dem Boden, ein Mann auf einer Bank nicht weit entfernt spielt Ukulele. „So beautiful“, sage ich. Und meine alles. 

Ich konnte nicht verstehen, was Leute meinten, wenn sie gesagt haben, dass der Camino magisch ist. Es ist ein Weg. That‘s it. Ich fange an es zu verstehen, ich werde es nicht erklären, weil ich es nicht erklären kann. Ich fühle mich so sehr wie ich selbst. Ich genieße es, kaum etwas zu haben, es gibt mir das Gefühl vollständig zu sein, nichts zu brauchen. Ich genieße es, mich nicht zu schminken, jeden Tag das gleiche anzuziehen, Pilgerin zu sein, und nur Pilgerin. Was ich am meisten genieße, sind die Begegnungen. „For a lifetime“, sagt Paolo und schaut in mein Herz, während Katja, er und ich in einer Tapasbar sitzen, barfuß und in Sportklamotten. Es fühlt sich an, als würden wir uns ewig kennen. Hier passt man aufeinander auf und man teilt, was man hat. Hirschtalg und Blasenpflaster statt Zigaretten und Bier. 

Ich muss an Nicole und Sam denken, während ich in der brasilianischen Herberge sitze und mein Knie langsam bewege, um es auf die morgige Etappe vorzubereiten. Ich habe die beiden am ersten Tag kennengelernt, in Pamplona haben wir uns verloren, Sam ist 1,5 und ein Labrador. Ich bin zwei Tage mit den beiden gelaufen, Sam hat mir geholfen, wenn ich nicht mehr konnte, indem er einfach nur da war. Ich hoffe ich treffe die beiden wieder. Während ich das schreibe bin ich überrascht, wie schnell ich hier Bindungen aufbaue und Gefühle entwickele. Man lernt sich kennen, man macht eine Etappe zusammen, oder zwei. Man trifft sich irgendwo wieder, ich habe selten so viel echte Freude auf einem Fleck gespürt. Jonathan aus Canada treffe ich heute mitten im nirgendwo, als ich Wasser kaufe. Er hat Knöchelschmerzen, ich biete ihm Tape an, er schenkt mir Nüsse, „Pain is Part of the camino“, sagt er. Wir umarmen uns. 

Ich denke an Kerstin. Wir haben uns vor ein paar Tagen im Wald kennengelernt. Ich bin fast über ihre Stöcke gestolpert, sie ist seit Januar unterwegs, erzählt sie mir und lacht. Gesundheitliche Probleme? Nö. Kerstin sächselt, sie ist aus Dresden losgelaufen, die zweifache Omi. Ich bin begeistert, was der menschliche Körper zu leisten in der Lage ist. „Einfach mal gucken was noch geht“, sagt sie. Viele die ich treffe haben ihren Job gekündigt und gehen drauf los. Der Camino scheint auch wie ein Weg in ein neues Leben zu sein. Ich fühle mich verstanden, ohne mich erklären zu müssen. 

Ich glaube ich schaffe es nicht nach Santiago, sage ich gestern zu Katja. Auch Schnecken kommen ans Ziel, sagt sie. Der Camino spiegelt das Leben ziemlich gut, denke ich. Ich bin eine Schnecke im Ferrari. Ich lerne, dass ich keinen Ferrari brauche. 

Die Herberge füllt sich. Ich höre Italienisch und Spanisch und Wortfetzen, die ich nicht zuordnen kann. Ich höre Lachen. Hier wird sehr viel gelacht. „Das Leben meint es gut mit uns“, sagt Ferro. Ich weiß, sage ich. Und ich meine das auch so. 

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