Ich liege auf dem Gras, spüre den warmen Wind, Mädchen singen, ein kleiner Junge läuft mit Baguette und Keksen an mir vorbei und grinst. Es fällt mir schwer auf deutsch zu schreiben, ich spreche seit Tage nur Englisch und tatsächlich ein bisschen Spanisch. Ich liege, anstatt zu laufen und es fühlt sich genau richtig an. Ich rupfe ein Gänseblümchen aus der Wiese, so pur wie das weiß der Blüte fühlt sich dieser Moment an. Morgen ist wieder alles anders. Das Leben auf dem Camino ändert sich so schnell. Ich lerne, dass es deshalb umso wichtiger ist, seiner Intuition zu folgen. Ich bin in Estella und heute genau 0 Kilometer gelaufen. 

Als ich in Lorca nicht mehr weiterlaufen konnte, habe ich alles angezweifelt. Zeitverschwendung, dachte ich, den ganzen Tag durch die spanische Natur zu stapfen, mit dem utopischen Ziel 800 Kilometer zurückzulegen. Ich habe Luna und Claire kennengelernt. Die beiden Frauen sind über 70, wir sind gestern zusammen nach Estella gelaufen. Langsam. So langsam, dass ich mir alle Namen der Blumen und Gräser am Wegesrand merken konnte. Luna kommt aus Californien. Ihre Enkeltochter ist so alt wie ich. Wir reden über Trump und die AfD. Wir kommen von unterschiedlichen Kontinenten, uns beschäftigen die selben Sachen. Sie hat gesehen, dass ich Schopenhauer lese. Es hätte ihr viel Trost gegeben, damals, sie lacht, ihre grauen Haare wehen im Wind, damals, als sie so alt war wie ich. Sie sagt, dass Intuition alles ist, was zählt. Und dass es okay ist, anders zu sein. Wir kommen früh in Estella an, weil wir weniger gelaufen sind, als der Pilgermarathon vorsieht. Luna und Claire nehmen mich mit in ihre Herberge, Luna lädt uns zum Essen ein, ich lehne mich an ihre Schulter, wir lachen und es fühlt sich an, wie sich Familie anfühlt. Rein und echt und geboren und sicher. Ich laufe alleine durch die Stadt, mein Knie ist nicht mehr blau, aber ich spüre es noch. Ich brauche Ruhe und frage mich wo der Gedanke herkommt, keine Zeit zu haben. „I think I will Need three Months till Santiago“, sage ich zu Luna. „then we will meet there”, sagt sie und lacht. Wir haben alle Zeit der Welt. 

Als ich Brot und Karotten kaufe renne ich in Pau. Er sitzt auf seinem Skateboard vor dem Supermarkt und füttert Noa. Eine Muntamobika liegt neben ihm, seine Tatoos reflektieren die Sonne, ich falle ihm um den Hals. Wir kaufen Bier und setzen uns vor die riesige Kirche auf die Treppen. Wir sehen die ganze Stadt. Noa hat eine Verletzung an der Pfote, deshalb kann er nicht weiterlaufen. Sie legt sich auf meinen Schoß und gräbt ihr kleines braunes Hundegesicht in meine Armbeuge. Wir hören Musik, Pilger kommen vorbei, alle Menschen sind so freundlich, versuche ich auf Spanisch zu sagen. „Thank you“, sagt Pau. Wir verstehen uns nicht, aber wir verstehen uns trotzdem. Um zehn schließt meine Herberge. Ich bin traurig zu gehen. Luna und Claire empfangen mich mit einem breiten Grinsen. „Weve had too much wine“, sagt Claire mit ihrer rauchigen Stimme. Die Frauen umarmen mich, Luna summt. Es fühlt sich so gut an, genau am richtigen Ort zu sein. Ich bin froh, dass ich mich nicht gezwungen habe, zu laufen, ohne zu können. Ich weiß nicht wo dieser Zwang herkommt. Spiritualität kennt kein Zeitlimit. Ich sehe so viele humpelnde Pilger, Menschen nehmen Schmerzmittel, wie sie sich die Zähne putzen. Für viele scheint der Weg nach Santiago ein Kampf zu sein. Ich will nicht mit dem Weg kämpfen, die tägliche Auseinandersetzung mit mir selbst ist anstrengend genug. 

Pau kommt wieder. Er schüttet eine Tüte vor meiner Nase aus. „Do you like Fresh Pasta?“ Ich nicke. Vor mir liegen Volkornnudeln und Oliven, Mais und Bier. Noa legt sich auf meinen Rücken und ich fühle den warmen Hundekörper. Heute bleibe ich hier. Wenn man den ganzen Tag in der Natur ist fühlt es sich komisch an, abends in eine Herberge zu gehen. Ich mag es nicht, in einem Zimmer zu sein und die frische Luft nicht mehr spüren zu können. Pau campt, weil in den Herbergen keine Hunde erlaubt sind. Ich habe keine Isomatte und mein Schlafsack ist zu dünn für die nächtlichen Temperaturen. Ich habe gelernt, dass sich alles irgendwie fügt, wenn man es zulässt. Vielleicht kaufe ich in zwei Tagen auch ein Zelt, wenn Pau und ich uns trennen müssen, weil Noas Pfote nicht besser wird. Es ist Sonntag. Wir können nicht zum Tierarzt. Vielleicht morgen sage ich. Vielleicht, sagt er und spielt mit seinem Zungenpiercing. 

Es ist heiß. Ich trage meine schwarzen Sportklamotten, die Sonne brennt. Ich höre Pau mit dem Geschirr klimpern und bin beeindruckt, wie viel er in seinem Bagpack jeden Tag mit sich herumschleppt. Ich denke an Luna und Claire. Als ich heute morgen aufgewacht bin, war mein Zimmer leer. „We Love you“, steht auf meiner leeren Magnesiumpackung. Ich euch auch, denke ich. Und empfinde Schmerz in der Ungewissheit, ob ich die beiden jemals wiedersehe. 

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