Ich höre die Vögel zwitschern, der Himmel ist blau, Sonnenstrahlen suchen sich ihren Weg durch dicht bewachsene Baumkronen. Ein Hund bellt, es ist mein Hund, ich bin in Deutschland, ich liege in meinem alten Kinderzimmer, es riecht nach Suppe. Ich bin krank, mein Körper ist krank, ich habe mir in Burgos einen Keim eingefangen und fühle mich seit Tagen vergiftet. Ich habe gestern schon versucht, einen Text zu schreiben, ich habe eine Kreativblockade, weil sich das Gefühl des Versagens und des Schams in jede Pore meines Körpers gesetzt hat. Niemand außer meiner Familie weiß, dass ich wieder hier bin. Ich habe Angst vor Fragen und vor dem Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Weil es heute genauso wenig wie morgen besser sein wird, versuche ich es mit Schreiben zu bekämpfen. Dieser Text wird sehr persönlich, ich sehe Papa schon sagen, „du weißt, dass das Internet niemals vergisst“. Ich weiß, Papa. Unverschleierte Ehrlichkeit sollte nicht vergessen werden.

Ich möchte zuerst einen Tagebucheintrag teilen, den ich vor zwei Tagen im Flugzeug auf dem Weg von Madrid nach Frankfurt geschrieben habe.

22.05, 20:48 Uhr, Flug FR1679, Platz 8F

Mir geht es zu schlecht, um zu schreiben. Ich habe mich noch nie so schwach und verletzlich gefühlt, ich bin wund. Mein Geist und mein Körper sind offene Wunden, mein Umfeld ist Salz, die Natur gibt es nicht mehr. Ich fühle mich tot. Ich sitze im Flugzeug nach Frankfurt, die letzten zwei Tage sind schleierhaft, mein Körper fühlt sich so vergiftet an. Ich habe drei Tage im Hotel versucht mich auszukurieren, es wurde mehr schlimmer als besser. Mein Körper ist so schwach. Ich frage mich, ob ich vorschnell entschieden habe. Ich will nicht nach Hause, während ich gleichzeitig weiß, dass ich muss. Alles fühlt sich so taub an, außer mein krampfender Bauch, ich kann nicht einmal weinen. Ich will nicht nach Hause, weil ich kein zu Hause habe, weil ich mir selbst kein zu Hause sein kann. Ich schäme mich, dass ich aufgegeben habe. Ich schäme mich vor meiner Familie, vor meinen Freunden, vor Pau und Katja und Tara und am Meisten vor mir selbst. Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich will alles und kann deshalb nichts. Ich überschätze mich permanent, bin mehr Kind als Superwoman und muss endlich aufwachen aus der Blase, dass man alles sein kann. Und dass Geld keine Rolle spielt. Dass wir alle Zeit der Welt haben. Es ist so schwer sich selbst zu lieben. Die letzten drei Wochen kommen mir vor wie drei Monate und wie ein sehr intensiver Traum. Ich will nicht aufwachen. Beim Träumen enttäuscht man niemanden. Ich will einfach nur sein. Und genug sein. Und okay sein. Ich frage mich, wo dieser selbstzerstörerische Erwartungsdruck herkommt. Ich verletzte mich damit ständig selbst. Ich höre erst auf mich, wenn es zu spät ist. Ich bin Hypokritin, wenn ich jedem sage, dass er sich wie seinen besten Freund behandeln soll. Ich bin mein bester Feind im liebevollen Mantel. Der Mantel blutet. Mein Bauch tut so weh. Ich denke an Katja und Tara und Andrew, die in Castrojeriz ein Bett für mich reserviert haben. Ich denke an Pau, den ich wahrscheinlich nie wiedersehe. Und ich denke an all die Menschen, die mich fragen, wie es war. Ich ärgere mich jetzt in diesem Moment so sehr über mich, es fühlt sich an wie eine Chance, die ich wegwerfe, wie ein grünes Stück Leben, dass verstrahlt wird. Wie verdorbenes Fleisch, wie Homophobie oder eine Beziehung mit Donald Trump. Ich frage mich, wie Körper und Geist zusammenhängen. Ist es mein Geist, der die permanente Konfrontation mit sich selbst nicht aushält und meinen Körper deshalb krank macht? Oder ist es wirklich mein Körper, der vergiftet ist? Ich frage mich, ob ich psychisch jemals ganz gesund sein werde. Ich kann gut damit leben, dass mich Schwermut überkommt und das Gefühl von kollektivem Weltschmerz. Ich weiß, dass ich mehr schwimme, als dass ich schwebe. Ich habe nur Angst zu ertrinken. Das Schlimme ist, dass ich so viele Rettungsringe sehe, überall. Meine Muskeln sind so müde. Und am Ende kann ich mich nur selbst retten.

Ich war mittlerweile beim Arzt, mir geht es gesundheitlich immernoch nicht besser, meine Entzündungswerte sind hoch, ich bin medizinisch so wund, wie ich mich seelisch fühle. "Hier können wir uns um dich kümmern", sagt meine Hausärztin behutsam. Ich nicke vorsichtig und obwohl ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war, nach Hause zu kommen, will ich hier nicht sein. Es gibt eine Intoleranz in meiner Toleranz, und zwar mir selbst gegenüber. Ich verurteile mich ständig. Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel Zeit nachzudenken, meine monotone Holzdecke lädt zum Denken ein. Ich habe in den letzten Wochen sehr oft gehört, dass der Camino jedem das gibt, was er oder sie braucht. Vielleicht brauche ich ein bisschen mehr Selbstliebe und Selbstschutz, ein bisschen weniger Druck und Zwang und eine bessere Verbindung zwischen Geist und Körper. Ich lerne gerade, dass Pläne sehr schön anzusehen sind, auf dem Papier, vom Leben aber schneller verworfen werden, als man Sicherheitsparadigma oder Auslandskrankenversicherung sagen kann. „Du hast nur einen Körper“, sagt Papa und streicht über meine verletzten Hände. Die Sonnenallergie hat sich über die Erfrierungen, mein Mitbringsel aus den Pyrenäen, gesetzt und lässt mich hochansteckend aussehen. Ich weine geräuschlos, als Papa und ich aus Frankfurt rausfahren. „Du wolltest doch Grenzerfahrungen“, sagt er. „Manchmal muss man Grenzen überschreiten, um sie zu erkennen.“ Ich nicke. Ich habe meine Grenzen in den letzten Wochen immer angekrazt und wohl ein paar Mal zu häufig überschritten. Ich möchte annehmen, dass körperliche Stärke kein Vergleichsinstrument ist. Alle anderen schaffen es nach Santiago ist schon deshalb falsch, weil es ‚alle anderen‘ so verallgemeinernd wie diskriminierent diese Aussage ist, sowieso nicht gibt. Hunde vergleichen sich doch auch nicht ständig.

Ich liege im Bett, aktuell kann ich kaum etwas anderes machen, schon der Weg zum Wasserkocher fühlt sich an wie eine Tagesetappe auf dem Camino. Jae schreibt mir, wie ich vorankomme. Gar nicht, sage ich. Er entschuldigt sich und schickt mir Liebe, „I’ll go to Santiago for both of us“, schreibt er. Mein Handy fällt mir auf die Nase, weil es mir immernoch schwer fällt meine Finger zu krümmen. Ich denke an all die wundervollen Menschen, die ich getroffen habe und all die Erfahrungen, die ich machen durfte. Es ist ein Geschenk. Und viel mehr Wert, als anzukommen, denke ich vorsichtig. Ich will den Weg unbedingt fertiglaufen, sobald es wieder geht. Es fühlt sich so richtig an, auf dem Weg zu sein. Sein. Ich hatte in den kompletten drei Wochen das omnipräsente Gefühl purer Lebendigkeit, ohne betäubende Großstadtschleier oder ablenkende Erwartungsblasen. Vielleicht ist doch der Weg das Ziel, wie Volker an Tag 1 sagte, wie mein Reiseführer sagt, und die blödeste aller Floskeln der deutschen Sprache. Omas Pater Pio wartet noch darauf, in Santiago gesegnet zu werden. Ich weiß nicht wann, Oma, aber du kriegst deinen Schutzheiligen. Versprochen.  

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