Ich weiß, dass ich zu Grenzerfahrungen neige und ein Mensch der Extreme bin. Wenn man viel ausprobiert, dann probiert man auch viel Mist: Im Meer schwimmt viel Plastik, es sind wohl schon einige Fische daran gestorben. Ich war die letzten Tage im Ashram, mit der Vorstellung, eine Woche in einem Yoga-Camp zu verbringen. Ein Ashram ist eine spirituelle Lebensgemeinschaft. UND KEIN YOGA-CAMP! Es ist genau das, was man sich vorstellt, wenn man Spiritualität und Lebensgemeinschaft zusammenbringt: Eine Gegenrealität. Als hätte jemand eine Glasglocke über ein Stück Land gestülpt, eine Glaskugel aus Plastik, es ist wirklich spannend, mit was Menschen sich so beschäftigen. Im Ashram sind Handys verboten, es gibt weder Koffein noch Teein, ausschließlich vegane, ungewürzte Nahrung, kein Nikotin und keine Politik. Alle äußeren Reize sind ausgeschaltet. Der Mensch wird zu einer permanenten Selbstzentrierung gezwungen, Meditation und Atemübungen und Yoga sollen dabei helfen. Die Menschen hier sehen alle sehr glücklich aus, so ruhend glücklich, dass das ungeschulte Auge an Marihuana-Farmen und Betäubungsmittel denken mag. Ein Ashram ist wohl seine eigene Droge. Wir schlafen in Schlafsälen, ich putze die Toiletten und helfe beim Spülen. Ich sitze auf einem Körnerkissen und starre in eine Kerzenflamme, ich liege vor einem Guru-Altar und mache mit meinem Körper die Krähe und den Fisch und den Frosch. Ich singe Mantras. Ich laufe 5 Kilometer, um meine Koffeinsucht zu stillen. Ich singe Mantras. Ich lächele und fühle mich grenzdebil. Ich spüre Symptome meiner Handysucht. Ich singe Mantras. Ich denke mir einen spirituellen Namen für mich aus. Ich verwerfe ihn wieder. Ich singe Mantras. Ich stehe morgens um 5 auf, um zu mir selbst zu reisen. Ich bin den ganzen Tag müde und nicht angekommen. Ich singe Mantras. Ich bin angepasst, während meine Gruppenidentifikation auf den Zug wartet. Wir verneigen uns vor den Schöpfern der Tradition. Ich nicht. Ich bin kein Wir. Und ich habe mich bewusst und endgültig gegen den Fanatismus von Religion entschieden.

„Ich dachte du bist im Yoga-Camp.“ Ich sehe meinen Bruder durchs Telefon grinsen. „Dachte ich auch“, sage ich. Ich flüstere, weil die Wände hier Ohren haben. Weil mich Sadguru und Osho und Ramakrishna hören könnten, obwohl ich im Garten unter dem Pflaumenbaum sitze, weil es nur hier Empfang gibt. Spiritualität kennt kein Handynetz. Im Ashram erzeugt man LTE aus der eigenen Körpermitte. „Wo bist du?“ „ASHRAM“, rufe ich ins Telefon. „Was?“ „Was?“ „Spirituelle Lebensgemeinschaft“, übersetze ich. „Aha“, sagt er, ich sehe ihn die Augen verdrehen. Ein Schwall indischer Gesang erbricht sich unter meinem Pflaumenbaum, ich höre die Zeilen von Lokah Samastah Sukhino Bhavantu deutlich, ich verstehe nichts und gleichzeitig alles, weil ich statt mitzusingen die letzten Tage die Übersetzungen der Friedensgesänge gelesen habe. Heute bin ich geflüchtet. „Du musst dich dafür öffnen“, sagt Rita mit ihrer kräftigen Stimme, schließt die Augen und formt mit den Lippen ein Om. „Das muss aus dem Bauch rauskommen“, sagt sie und greift mir beherzt an die Körpermitte. Aha. Als wir uns heute nach dem Spülen alle an die Hände nehmen und in der Küche die Meister der Tradition anbeten, fällt der Spalt der spirituellen Tür meines Unterbewusstseins zu. Ich reiße eine Pflaume vom Baum. Ich bin die Pflaume. Die Pflaume des Ashrams, zu unreif, um die Kollektivenergie zu empfangen. „Ich glaube da ja eh nicht dran“, sagt mein Bruder hilfesuchend. Ich spucke den Kern Richtung Bach. Und dann ist dieser Text entstanden.

Fanatastische Utopie

Ich möchte abreisen. Sofort. Besser abgereist sein, besser gar nicht gekommen. Gleichzeitig ärgere ich mich, dass ich mich all dem hier nicht öffnen kann. Ich bin der Bauer, der nicht frisst, was er nicht kennt. Ich bin Alman, bei dem es zu Hause am Schönsten ist, mein Zug fährt nach bitte nicht einsteigen, ich bin kein Yogi. Alle singen Mantra, ich nicht. Ich warte darauf, dass Hara Krischna mir die Entscheidung abnimmt, ob ich nach Hause fahren soll. Dran glauben. Ich glaube, das ist keine Glaubenssache. Yoga ist die Lehre der Einheit und ganzheitlichen Heilung. Aber das ist nicht nur Yoga. Der ganze Kram, mit dem sich Yoga auseinandersetzt, passiert automatisch bei Menschen, die bewusst leben. Man muss es nicht Karma-Yoga nennen, wenn man seinen Dreck aufhebt und man muss es nicht Hata-Yoga nennen, wenn man sich nach dem Joggen in die Hängematte legt. Und warum braucht man zum Meditieren teure Sitzkissen mit Lotuspflanzen und Yogahosen für 100 Euro? Viele Menschen haben die Yoga-Philosophie in ihren Alltag integriert, ohne es zu wissen. Gesunde Ernährung oder Bewegung, die einem gut tut und eine wache aufmerksame Art zu leben zum Beispiel. Vieles was Anante* heute erzählt hat, finde ich interessant. Mir gefällt die ganzheitliche Betrachtung des Menschen, die Auseinandersetzung mit sich und seinem Ego, die Gewaltlosigkeit und die Idee, dass Energie aus Bewusstsein entsteht. Ich finde auch, dass wir jeden Tag dankbar sein können, Teil der Natur zu sein. Ich finde aber nicht, dass es für diese Lebenseinstellung die Exklusivität einer Sekte benötigt. Das Ashram ist eine Blase. Hier vergisst man Zeit und Politik und Kapitalismus und Kaffee und Kippen. Hier kann man das auch alles vergessen, weil es keine Reize gibt, die das triggern. Es gibt keine Zeitungen, kein Koffein, nichtmal Teein, keine Gewürze, keine Aschenbecher, kein Fleisch. Alles was Spaß macht, würde Frau Alman sagen. Habt ihr eigentlich Sex, Yogis? Oder schöpft ihr alle orgasmischen Energien auch aus der Wechselatmung? Ich finde dieses Konzept nicht lebenstauglich. Wenn man sich eine Blase erschafft, in der es nur und nur und nur gleichgesinnte Menschen gibt, dann mag eine verzerrte Realitätskonstruktion sicherlich funktionieren. Dann kann man sich permanent von der Richtigkeit seiner Subkultur überzeugen. Dann kann man sich im Output der Arroganz suhlen, die jede Exklusivität mit sich bringt: Das Beste für sich zu beanspruchen und alles andere abzuwerten. Verurteilen erscheint mir nicht sehr friedvoll. Liebe Yogis, vielleicht haben nicht alle Menschen Zeit für Erleuchtung. Ob ich sagen will, dass nicht alle Menschen Zeit haben, um glücklich zu sein? Nein. Aber das Leben ist kurz und bunt und keine Blase. Wenn Menschen sich ab und zu gerne betäuben, dann ist das okay. Ich glaube doch, dass auch Kaffee und Kippe zufrieden machen können. Auch das permanente im Moment leben und alles andere ausblenden halte ich für schwierig. In unserer globalisierten Welt ist jetzt immer schon vorbei – jedenfalls technisch. Wir können uns vor dieser Welt nicht verschließen, sonst wird die produktive Exklusivität zur intrinsischen Isolation. Dann versteht die eine Welt die Andere nicht mehr – dann kann es niemals die Weltbürgerin geben, oh fanatastische Utopie. Es ist außerdem ein Unterschied, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und zentriert zu bleiben (das ist wunderbar, da bin ich bei euch) und tiefe Emotionen empfinden zu können. Wenn man das Negative kontinuierlich ausblendet, überflutet es einen dann nicht in Momenten der Überforderung und Schwäche? Das Leben ist keine Wolke. Wie kann es Glück ohne Unglück geben und wie tiefe Freude ohne tiefen Schmerz? Wut ist okay, Trauer ist okay und Neid auch. Ich weiß nicht, ob ich so erleuchtet sein will, dass sich mein Geist außerhalb meines Körpers befindet, mein Bewusstsein im Raum schwebt und ich gar nichts mehr fühle. Ich will mir Sorgen machen dürfen. Schreien und weinen und fluchen und manchmal auch saufen erscheinen mir heilender, als ein Elefant mit drei Köpfen. Aber vielleicht bin ich auch einfach noch nicht bereit, um all das zu verstehen.

„Die tun doch niemandem was“, mein Bruder sitzt im Garten und beißt in einen Apfel. „Jahaa“. Ich bin genervt, weil er recht hat und weil ich mich frage, ob sich die Energieströme über mir ergossen hätten, in mir und durch mich, wenn ich länger dort geblieben wäre. Ob ich mein Mantrasingen perfektioniert hätte? Wahrscheinlich. Meine Kaffeesucht in den Griff bekommen? Möglicherweise. Erleuchtet wäre? Vermutlich nicht. Ich möchte die Idee des Ashrams nicht verurteilen. Eine Religion, die Gewaltlosigkeit, Herzensgüte und Liebe als oberste Priorität sieht darf nicht verurteilt werden. Zurück in meinem natürlichen Wirkungskreis finde ich es mehr spannend als verrückt, womit Menschen ihr Leben füllen. Sind wir nicht alle auf der Suche nach Identität und Orientierung? Nach Sicherheit und Zuspruch? Wenn ein Ashram den dort lebenden Menschen diese Bedürfnisse erfüllt und sie befriedigt, dann ist das toll. Ich bin wohl noch auf der Suche. Meine Sicherheit kann ich nicht in Mantras finden und Figuren anzubeten erscheint mir nicht nur fremd, sondern surreal. Die Atemübungen werde ich allerdings in meinen Alltag integrieren, Ayurveda finde ich spannend und der Handyentzug hat mir sehr gutgetan. Meditieren werde ich üben. Ich habe eine neue Inspirationsquelle mitgenommen, die ich teilen will. Charley Chaplin schrieb zu seinem 70. Geburtstag den Text: „Als ich mich selbst zu lieben begann.“ Verbindet uns das nicht alle, liebe Yogis? Wollen wir nicht am Ende alle einfach geliebt werden?

https://www.wolfgangzeitler.de/CharlieChaplin_As_I_began_to_love_myself.pdf

 

*Namen geändert

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