Die Coronakrise hat die Diskussion angefeuert – dem Bundestag liegt nun eine Petition mit knapp einer halben Millionen Unterschriften vor. Gefordert wird die Einführung eines Grundeinkommens, 1000€ monatlich, bedingungslos, für jeden. Ein solches Konzept würde nicht nur das Individuum, sondern uns als gesamte Gesellschaft verändern. Was für ein Wirtschaftssystem würde uns erwarten? Wer zahlt das eigentlich? Und brauchen wir das wirklich? Ein Blick hinter Vorurteile und Stigma.

„Was würdest du mit 1000€ extra machen?“ 
Ich bin Studentin. Ich lebe nicht von Ketchup und Nudeln, überlege mir aber zwei Mal, ob ich mir die Theaterkarte wirklich leisten kann. Und die Autoversicherung. Und das Zugticket nach irgendwo.
„Mich weniger sorgen“, antworte ich. „Und öfter essen gehen vielleicht.“ Ich überlege und nicke mir selbst zu. Ich studiere aktuell im Master. Während meines Bachelorstudiums hatte ich immer zwei Jobs gleichzeitig. Es hat schon funktioniert – irgendwie funktioniert es ja immer – aber mein durchschnittliches Stresslevel war sehr anstrengend. 

„Was würdest du mit 1000€ extra machen?“
Ich höre meine Oma durchs Telefon atmen. „Was soll ich denn anders machen? Ich mache alles so, wie ich das eben mache.“ Und wie du es seit 50 Jahren machst. Ich kenne die Rente meiner Oma. Sie sagt es nicht – der Kriegsgeneration wurde Genügsamkeit ins Blut gespritzt, aber ich weiß, dass sie sich endlich mal etwas gönnen würde. Eier vom Bauern zum Beispiel. 

„Was würdest du mit 1000€ extra machen?“
„Fertig studieren“, sagt mein Bruder.

Der Rest meiner Familie antwortete ähnlich. Nicht groß etwas verändern. Äußerlich. Innerlich sorgt eine Grundsicherung von 1000€ für extreme Sicherheit. Existenzängste sind plötzlich sehr klein und der Druck, einen Job auszuüben, der einem nicht gefällt, besteht nicht mehr. Die Möglichkeit, sich mit der Sinnhaftigkeit des eignen Seins auseinanderzusetzen hat plötzlich Platz zu wachsen. Mag pathetisch klingen, aber eine finanzielle Grundsicherung und damit finanzielle Freiheit macht geistige Freiheit erst möglich. Wie soll man herausfinden, was man wirklich gut kann und mag, wenn man vom permanenten Druck getrieben wird, irgendwie Geld verdienen zu müssen? 

Jeder zweite Deutsche ist Burnout gefährdet

Die Psychoghygiene leidet unter dem veralteten Bild von Arbeit, das in der westlichen Welt herrscht. Arbeit wird synonym zu Erwerbstätigkeit gedacht. Wir werden ausgebildet, um zu arbeiten. Wir sind ein Teil der Gesellschaft, wenn wir einen von ihr erzeugten Job erfüllen. Unser Wert wird zum Großteil an unserer Produktivität gemessen. Das ist falsch und überholt. Die Digitalisierung hat die Industrialisierung abgelöst und damit das Verhältnis von Arbeit und Wertschöpfung aus dem Gleichgewicht gebracht. Während der Mindestlohn nur langsam steigt, werden Produkte unverhältnismäßig teurer. Manchmal fühlt es sich so an, als bestimme die Arbeit unser Leben. Die Frage „was machst du so?“ zielt nicht auf Interessen und kreative Projekte ab. Sondern auf den Studiengang oder den ausgeübten Beruf. Ich habe vor kurzem auf diese Frage anders geantwortet, als mit der Bezeichnung meines Studienganges. „Ich spaziere gerade durchs Leben“, hat gehobene Augenbrauen und gerümpfte Nasen geerntet. Man spaziert nicht durchs Leben. Höchstens, wenn man auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz ist. 

Das Menschenbild, was sich hinter diesem Verständnis von Arbeit versteckt ist eines, das ich nicht teilen kann. Der Mensch als maschinengleiches Wesen, das lebt um zu arbeiten, um die Konjunktur anzutreiben und ein kleines Rad in der Maschinerie des Kapitalismus zu sein. Der Mensch ist egoistisch und sein Handeln beruht auf Wettbewerb. Wirtschaftlichem Wettbewerb liegt der Wachstumsgedanke zugrunde. Der arbeitende Mensch ist das Idealbild. Er ist Teil des Systems. Für den Rest ist leider kein Platz. Der Rest spricht zum Beispiel kein Deutsch, hat eine Behinderung, lebt auf der Straße, ist alleinerziehende Mutter, pflegt einen kranken Angehörigen, oder besitzt keine Papiere. Dieser Rest wirkt wie Kies in der Maschinerie. Es knirscht, der Kies muss beseitigt werden, für Steine im Uhrwerk gibt es nämlich keine Verwendung.

Das mag drastisch klingen. Übertreibung ist aber ein wirksames Mittel, um Probleme zu adressieren. Ich glaube nicht an dieses Menschenbild. Ich halte es für einen verquerten Auswuchs des Kapitalismus. Ich sage nicht, dass der ganze Kapitalismus schlecht ist – weder den Kommunismus noch den Sozialismus möchte ich mir an seiner Stelle vorstellen – ich glaube aber schon, dass wir ihn anders denken müssen, den Kapitalismus. Die unsichtbare Hand Adam Smiths, dem Kapitalismus-Dady, ist mittlerweile nämlich fast 300 Jahre alt. Sie muss sich irgendwo zwischen Bismarck und Brandt aufgelöst haben. 

Niemand müsste mehr bedürftig sein

Wenn der Mensch als kreatives Wesen wahrgenommen werden soll, der nach Glück und Zufriedenheit, nicht nach Kapital und Besitz strebt, dann muss sich unsere gesellschaftliche Wertschöpfungskette nachhaltig verändern. Nur dann kann die Kluft zwischen arm und reich wieder schrumpfen und nur durch eine neue Integrität kann dem Populismus-Ballon die Luft genommen werden. En konzeptueller Versuch dieser Veränderung ist die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. 

Historizität und Erfahrung zeigen, dass manche Menschen gleicher sind als andere. Nicht beim bedingungslosen Grundeinkommen. Hier wird allen Menschen (unklar ist noch, ob das ‚alle‘ an die deutsche Staatsbürgerschaft oder einen bestimmten Aufenthaltsstaus gekoppelt ist‘) jeden Monat eine Geldsumme zur Verfügung gestellt, die das Überleben sichert. Angedacht sind 1000€. Anders, als bei sämtlichen Sozialleistungen hängt dieses Geld nicht von Bedürftigkeit ab. Egal, ob Putzhilfe oder Bankerin – alle bekommen gleich viel. Der Verein MeinGrundeinkommen e.V. verlost seit einigen Jahren über Crowdfunding finanzierte Grundeinkommen für 12 Monate an durch Zufall ausgewählte Menschen. In diesem Jahr haben sie mit dem Max-Planck-Institut, dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Wissenschaftlern der Uni Köln ein Pilotprojekt gestartet, das 120 Menschen drei Jahre lang 1200€ monatlich zur Verfügung stellen wird. Es soll die individuellen und kollektiven Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens zumindest teilweise testen. Bewerben können sich alle in Deutschland lebenden Menschen.

Und wer zahlt?

„Wir waren einem Grundeinkommen noch nie so nah, oder? Ich kann das gar nicht glauben.“ So wie meiner Freundin geht es den meisten Menschen. 1000 Euro sind viel Geld, 83 Millionen sind viele Menschen. Die erste Frage, die meistens gestellt wird, ist die nach der Finanzierung. 1 Billionen Euro würde das ganze pro Jahr kosten. Das ist eine 1 mit 12 Nullen. Das ist mehr als meine Vorstellungskraft. Was wir oft vergessen: Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen durchgesetzt, würden gleichzeitig alle Sozialleistungen wegfallen. Kindergeld, Arbeitslosengeld 2, Rente, Wohngeld und und und kosten den Staat summiert auch knapp 1 Billionen Euro pro Jahr. „So kann man das wohl nicht verrechnen“, sagt meine Freundin. Das stimmt. Zum Glück gibt es dafür Wirtschaftsprüferinnen. Es kommt auch erstmal nicht darauf an, wie genau das verrechnet werden kann. Fakt ist, dass die Utopie sich zumindest teilweise in Zukunftsmusik verwandelt, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt. Und eine Steuerreform würde unserem System vielleicht auch nicht ganz schlecht tun. Warum leben in Deutschland 2 Millionen Millionäre, während über 300.000 Menschen auf der Straße sind?

Netflix platzt und keiner macht mehr sauber

Dass das bedingungslose Grundeinkommen eine faule Bevölkerung heranzüchten würde, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Mein Grundeinkommen e.V. hat herausgefunden, dass 90% ihrer Befragten (das sind die Bewerber für Grundeinkommen) weiterarbeiten gehen würden, auch wenn sie nicht mehr müssten. Wir sind nicht dazu gemacht, um das Leben an uns vorbeiziehen zu sehen. Wir haben einen Körper, der aktiv sein möchte und einen Geist, der am glücklichsten ist, wenn er gefordert wird. Ich glaube sogar, dass die Nutzung von Trash-TV und Streaming-Diensten sinken würde. Vielleicht müsste man sich nicht mehr berieseln lassen, weil die Arbeit nicht mehr so auslaugend ist, dass man danach nichts mehr tun kann, außer zu vegetieren. Ich glaube auch, dass eine finanzielle Freiheit, die Voraussetzung für geistige Freiheit ist, unsere Gesellschaft viel bunter machen würde. Echte Motivation würde Geldnot ablösen und Talente und Potenziale hätten Platz, zum Vorschein zu kommen. Vielleicht hätten wir mehr Künstlerinnen und Musiker, weil sich ein Großteil endlich trauen würde, der Sicherheit im Job abzudanken und nach der persönlichen Erfüllung zu suchen. Selbstoptimierung und Perfektionismus würden aufhören, schon Kinder krank zu machen, weil unser Bildungs- und Arbeitssystem nicht mehr auf Wettbewerb um Arbeitsplätze ausgelegt wäre. Es gäbe wieder Zeit für Ehrenamt und Engagement in allen Richtungen. Ein Bewusstsein für das eigene Wirken ginge mit einem Bewusstsein für die Umwelt einher und endlich könnten die großen Herausforderungen unserer Zeit angegangen werden. Wir könnten die erlernte Hilflosigkeit überwinden, uns ein bewussteres Konsumverhalten leisten und Nachhaltigkeit leben. Der Klimawandel könnte endlich als gesamtgesellschaftliches Problem angegangen werden. Familie und Freunde, Hobbies und Interessen könnten wieder den Platz einnehmen, der ihnen gebührt. Wir könnten Integrität leben und den Zugang zu sämtlichen Systemen erleichtern. Wir wären im Kollektiv nicht mehr egoistisch, sondern prosozial, weil auch die ‚Abgehängten‘ wieder Vertrauen fassen könnten. Vielleicht würden wir als Gesellschaft endlich wieder ganzheitlich leben.

Und die Politik? 

„So einfach ist das aber nicht“, sagt meine Freundin. 
„Wenn wir es nicht versuchen, haben wir schon verloren.“ Wir diskutieren. Ist die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wirklich möglich? Die Ambivalenz dieses Themas zeigt sich auch in der politischen Zerrissenheit. Fälschlicherweise wird der Diskurs politisch häufig dem ‚links-grün-versifften‘ Narrativ untergeschoben. Während Grüne und Linke das Konzept befürworten, sind die anderen aktuell im Bundestag vertretenen Parteien dagegen. Kai Whittaker von der CDU bezeichnet das bedingungslose Grundeinkommen in einem Interview mit der Tagesschau als „linksliberales Elitenprojekt“, das die Arbeit entwertet. Bei den anderen Parteien wird ein ähnlicher Ton angeschlagen, nur die AfD hat Angst vor Ausländern, die sich an dem deutschen Wohlstand bereichern, welch Überraschung. In der Schweiz ist das Prinzip der direkten Demokratie, auch Konkordanzdemokratie genannt, viel populärer als in Deutschland. Die Menschen können per Volksentscheid direkt mitentscheiden, was sie wollen. Demokratie bedeutet durch das Volk, vom Volk, für das Volk. Aus diesem Grund sollte das Pilotprojekt von MeinGrundeinkommen e.V. staatliche Subventionierung erhalten. Wenn die Gesellschaft sich selbst von innen nach außen erneuern will, dann braucht sie dabei Hilfe. Es ist einfach, schwierige Sachverhalte als Utopien abzutun. Das ist der leichte Weg. Viele Realitäten sind vergangene Utopien. Der Status Quo ist aktuell nicht gut. Jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland ist Burn-out gefährdet. Und die Erde ist das auch. Es braucht eine grundlegende Veränderung. Ich verstehe, dass solch ein großer Schritt Angst macht. Aber Nichtstun und Abwarten war schon immer der falsche Weg. Wenn menschengemachte Probleme nur von Menschen gelöst werden können, dann braucht diese Welt endlich einen Haufen Mut, um sich zu trauen, neue Wege einzuschlagen. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte einer von ihnen sein. 

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