Generation Y macht gerne Yoga, ernährt sich vegan, geht freitags für den Klimaschutz auf die Straße, shared food, ist politisch eher links, trägt Jutebeutel und ist lange damit beschäftigt so auszusehen, als wäre es ihr egal, wie sie aussieht. Beim Hafer-Latte trinken regt sie sich über das System auf und kritisiert mehr, als dass sie visioniert. Dabei begleitet sie ein idealisiertes Feindbild: Die Generation Y hasst den Kapitalismus. Er scheint schuld zu sein, an all den Ungerechtigkeiten dieser Welt: An Armut, an Flucht, am Klimawandel und an der kollektiven Unfähigkeit, eine Liebesbeziehung zu führen. Aber ist das wirklich so? Genauso, wie nicht alle Menschen der Generation Y gleich sind, ist der Kapitalismus nicht auf seinen faden Beigeschmack herunterzubrechen. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir diskursiv ein System zerstören, von dem wir gleichzeitig profitieren. Wir leben die Doppelmoral, die wir ablehnen, wenn wir uns am Kapitalismus bereichern, wenn keiner zusieht, ihn öffentlich aber verteufeln. Wir, die ideologischen Antikapitalisten.

Woher kommt diese Abwehrhaltung, wohin führt sie und woraus zieht sie ihre Berechtigung?

Eine integrative Diskussion über den Kapitalismus:

„Ohne Kapitalismus kein Fortschritt“, sagt Coco und schaut mich durch die Linse ihres Computers eindringlich an. „Kapitalismus bedeutet Wettbewerb und Wettbewerb motiviert die Menschen besser zu werden, schneller, kreativer. Irgendwie müssen sie ja überleben.“ Ich nicke. Es ist schwer, das riesige Konstrukt KAPITALISMUS zu fassen. Kapital steckt bereits im Wort: Die Mittel zur Erstellung von Gütern. Meistens übersetzen wir Kapital mit einer Summe an Geld. Der Kapitalismus nährt sich also vom Fluss des Geldes. Geboren wurde das Wirtschaftssystem, das mittlerweile in sämtliche Subsysteme geschwappt ist und sie durchwandert, im 18. Jahrhundert von Adam Smith. Es war das Zeitalter der Aufklärung, kurz vor der industriellen Revolution. Mozart wurde geboren, Benjamin Franklin erfand den Blitzableiter, in den USA wurde die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben und Goethe verarbeitete seinen Weltschmerz in den Leiden des jungen Werthers. Auf der Welt lebten circa 1 Millionen Menschen, auf den Straßen fuhren Kutschen statt Autos, der erste Duft von Demokratie wehte durch die Straßen, auf denen Kernfamilien sich auf Märkten tummelten. Die Welt war schwarz-weiß. Und irgendwie in Ordnung, weil sie sortierter war und kleiner, so fühlt sich das retrospektiv an. Begrenzte Möglichkeiten sind begrenzte Freiheiten und Entscheidungen fallen leichter, wenn Lebenswege vorgemalt sind. Adam Smith ist 1790 in Edinbourgh, Schottland, gestorben. Seitdem sind 230 Jahre vergangen und Lebenswegschablonen verblasst. Wir sind heute fast 8 Milliarden Menschen, 60 Millionen davon sind auf der Flucht, weil auf Demokratien geschossen wird und keine Kutschen mehr fahren. Wir sind so entwickelt, dass man sich manchmal Rückschritt wünscht, aus Sorge, nicht mehr mitzukommen. Die Digitalisierung bedingt die Globalisierung, im internationalen Mikrokosmischen toben Kulturkämpfe – es scheint endlich die Zeit zu sein, Homophobie, Sexismus und Rassismus abzuschaffen. Gleichzeitig befeuern sich sämtliche Konstrukte selbst, durch Mächtige und machtvolle Gruppierungen, die dessen Kanonenfutter aus Verachtung von Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit und Verantwortung gießen. Einer dieser Mächtigen heißt Donald Trump und ist Präsident der Vereinigten Staaten.

Das Problem der ungleichen Verteilung 

„Du musst nicht so weit ausholen“, höre ich Coco sagen. Ich glaube schon. Systeme und Strukturen brauchen einen zeitgeistlichen Rahmen und eine historische Einordnung, um verstanden werden zu können. Der Kapitalismus, wie er von Adam Smith gedacht war, als Wirtschaftssystem des freien Handels, der auf maximalen Profit der Gesamtheit ausgelegt ist und dem der Gedanke innewohnt, dass jeder profitiert, wenn jeder nach dem persönlichen Nutzen handelt, funktioniert heute nicht mehr. Die unsichtbare Hand des Marktes ist wohl am Kohlenstoffdioxid erstickt und der Kapitalismus hat sich von Subjekten versklaven lassen, die ihn bis zur Perversion ausschlachten. Subjekte sind in diesem Fall Unternehmen und Einzelpersonen, die egoistisch und unverantwortlich nach Gewinnmaximierung streben, obwohl sie bereits so viel besitzen, dass sie den Wettbewerb mitgestalten gar dominieren. Eine 2017 veröffentlichte Studie des Verbandes Oxfam, der sich global für die Linderung der Armut einsetzt, hat herausgefunden, dass 8 Menschen mehr besitzen, als die vier Milliarden Ärmsten. ACHT! Bill Gates kann nichts für seinen Microsoft-Kopf und wer Marc Zuckerberg verteufelt, müsste wohl auch Facebook löschen. Das Problem sind nicht diese acht Männer. Das Problem ist, dass es in einem kapitalistischen System soweit kommen kann: Dass sehr Wenige sehr viel besitzen und sehr Viele sehr viel zu wenig. Während sich die Welt rasant weiterentwickelt, stagniert der Kapitalismus und ist so eine Bremse für ökologische Nachhaltigkeit und verantwortliches Handeln. 

Aber warum ist das so?

Das Problem, das dahintersteckt, ist das Menschenbild, von dem der Kapitalismus ausgeht. Im Kapitalismus ist der Mensch ein egoistisches Wesen, das auf seinen Eigennutzen fokussiert ist und nichts tut, außer diesen zu maximieren. Arbeiten, Essen, Schlafen, Schule, Studium, Haus und Hochzeit – wir kennen diese Schablone. Der Mensch ist ein kapitalsuchender Roboter – überspitzt formuliert. Ich glaube über dieses Menschenbild sind wir hinweg. Globalisierte (Welt)gesellschaften können mit egoistischen Einsiedlern nichts anfangen. Fortschritt braucht Kreativität und Kreativität ist ein Puzzle aus Ideen, Lebensentwürfen und unterschiedlichen Wahrnehmungen. Ich glaube nicht, dass der Mensch von Grund auf egoistisch ist – das würde ihn wahnsinnig einsam machen. Der Mensch sucht nach Gemeinschaft, Identifikation und vor allem nach Sinn. Bei dieser Sinnsuche stößt er auf ein System, das krankt. Alle Menschen sind gleich, heißt es – aber weltweit sehen wir, dass Einige gleicher sind als Andere. Mehr als 3 Milliarden Menschen leben laut Bundeszentrale für politische Bildung weltweit unterhalb der Armutsgrenze. Diese bezeichnet ein Einkommen, unterhalb dessen der Erwerb aller lebensnotwendigen Ressourcen nicht mehr möglich ist. Die Umweltzerstörung wird vorangetrieben, obwohl die Folgen des Klimawandels schon jetzt irreversibel sind und vielen Menschen wird der Zugang zum System genommen, weil sie auf dem Kapitalmarkt keinen Wert haben. Menschen sind im Kapitalismus gefangen, wie Fliegen im Honig. Sie müssen mitmachen, weil das Produkt des Kapitalismus Lebensgrundlage bietet. Ohne Arbeit kein Gehalt, ohne Gehalt keine Begleichung der Miete und keine Nahrungseinkäufe und so weiter.

Die Ambivalenz eines Systems, dass sich intrinsisch revolutionieren muss 

Das System ist so komplex, dass es mir als Nicht-Ökonomin nicht möglich ist, es transparent aufzufächern. Ich sehe die positiven Seiten des Kapitalismus, wie er ursprünglich gedacht war. Ich sehe, dass sich viele Länder aus der Armut befreien und sich zu Industrienationen entwickeln konnten. Dass die Zahl derer, die in absoluter Armut – also von weniger als 1,90 Dollar am Tag – sinkt. Ich sehe, dass es den Menschen im globalen Vergleich grundlegend besser geht. Ich sehe, dass Fortschritt und Wachstum wichtig sind. Aber ich sehe auch die andere Seite. Ich sehe die Reduzierung des Menschen auf seine Arbeitskraft, dass Wachstum mit Stress und Druck verknüpft ist, dass der Effizienzgedanke sich durch unseren Alltag frisst und psychische Erkrankungen fördert. Ich sehe, dass mehr Wettbewerb mehr Ego, mehr Selbstoptimierung und mehr Anpassung bedeutet. Dass das Machtgefälle und die Arm-Reich-Kluft größer werden. Dass Geld der Bewertungsmaßstab ist. Ich glaube die menschliche Natur wird im Kapitalismus falsch interpretiert und ich bin müde davon, in diesem System zu leben, mich ihm zu bedienen und es gleichzeitig abzulehnen. Die Ambivalenz in, mit und zum Kapitalismus steht symbolisch für die Ambivalenz, die über einer gesamten Generation schwebt: Was wollen wir wirklich? 

Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung

Wenn die Erde genug hervorbringt, um die Bedürfnisse aller zu decken, nicht aber, um die Gier weniger zu stillen, dann müssen wir unser Wirtschaftssystem neu denken, um möglichst viele Menschen aus ihrem unverschuldeten Leid zu befreien. Dabei muss nicht zwangsläufig an das hungrige Kind in Afrika gedacht werden – Leid kann auch sein, einen Job ausüben zu müssen, den man nicht mag, um seine Miete bezahlen zu können, die viel zu hoch ist. Wie befreit man sich also aus dem Wirtschaftssystem? „Gehen wir in die Politik“, sagt Coco. Und dann: „So einfach ist das nicht.“ Wir diskutieren und ich merke, dass sie recht hat. Wir können uns nicht gegen ein System stellen, in dem wir aufgewachsen sind und leben, dass uns gut versorgt – und vor allem: Zu dem es keine Alternative gibt. Kommunismus und Sozialismus stehen dem Kapitalismus meist oppositionell gegenüber. Gesellschaftssysteme, die die Demokratie untergraben, die Medien zensieren und Menschen radikal gleichschalten dürfen keine Option sein. „Vielleicht müssen wir den Kapitalismus gar nicht ablehnen“, sagt Coco, während ich über das Leben in der DDR phantasiere. „Wir müssen ihn nur neu denken.“ „Und wie stellst du dir das vor?“ Coco redet von der 15-Stunden-Woche, einem neuen Mindestlohn und besseren Arbeitsbedingungen. Vom bedingungslosen Grundeinkommen und einer Steuerreform. Ich streite das alles ab. Utopisch. Je länger ich darüber nachdenke, umso weniger utopisch erscheint mir all das. „Jede Realität war irgendwann mal eine Utopie“, sagt Coco. „Und ich glaube wir sind bereit für eine Veränderung.“ Krisen gehören in einem kapitalistischen System dazu, wie ein Gewitter nach einem schwülen Sommertag. Wenn das System aber die Krise ist, dann ist es höchste Zeit für eine Veränderung. Wir einigen uns nach einem philosophischen Ideenaustausch auf den sozialen Kapitalismus, angelehnt an die Idee von Autor und Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus. 

„Ein anderer Kapitalismus ist machbar“

Die Idee, die hinter dem sozialen Kapitalismus steckt, ist einfach und beruft sich auf das Menschenbild, mit dem ich mich auch identifizieren kann: Wir sind gemeinschaftliche Wesen, die lieber geben als nehmen und denen es am besten geht, wenn sie ihr Glück teilen können. Der soziale Kapitalismus ist ein ganzheitlicheres Konzept: Der Kapitalmarkt wird nicht eigenständig und unabhängig betrachtet, sondern als vertikale Säule im (Welt)system. Er wirkt auf die Umwelt und seine Ausprägung hat eine Auswirkung darauf, was mit dem Klima passiert. Ein Beispiel, wie stark Ökologie, Ökonomie und Soziologie in die politische und wirtschaftliche Entwicklung verwoben sind. Schon Humboldt sagte, dass alles Wechselwirkung ist. Im sozialen Kapitalismus haben die Menschen – Unternehmende – kein Interesse daran, ihr Kapital blind zu maximieren: Ihr Gewinn ist an soziale und ökologische Verantwortung geknüpft. Mehr Menschen sollen befähigt werden, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich dadurch aus ihrer Armut befreien zu können. Es soll mehr in unabhängige kleine Betriebe investiert werden – so kann Lokalität gefördert und gleichzeitig die Umwelt geschont werden. Es wird nicht gegeneinander, sondern mehr miteinander gearbeitet. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte der Mensch sich Zeit für seine persönliche Selbstentfaltung geben und mit individuellen Talenten zu einer bunteren Welt beitragen. „Wir sind nicht mehr die einzigen beiden Idioten, die glauben, dass so etwas möglich ist“, sagt Coco, nachdem wir ein Weltbild entworfen haben, mit dem wir beide zufrieden sind. Und dass kapitalistische Grundzüge aufweist. „Man muss sich nur trauen“, sage ich. Und dass es okay ist, Dinge nicht okay zu finden. Und dass wir uns informieren müssen. Man kann nur wissen, welches System man ablehnt, wenn man weiß, in welchem man lebt. Nur wenn man sich selbst befähigt Dinge kritisch zu hinterfragen, kann man sich die Welt so gestalten, wie man sie gerne hätte. Und nur dann kann man vollkommen zufrieden werden, glaube ich. 

Wir haben mit der Idee des sozialen und ökologisch verantwortungsbewusstem Kapitalismus eine Utopie gezeichnet, mag man meinen. Das kann sein. Aber es ist ein Vorschlag und ein Anfang. Mit dieser Vorstellung im Kopf kann es uns leichter fallen, unser alltägliches Verhalten zu ändern. Wir können bewusster konsumieren und konstruktiver diskutieren. Wir können Kaufentscheidungen mit Blick auf dahinterstehende Unternehmen treffen. Wir können Nestle boykottieren, weil die Firma weltweit Wasserrechte aufkauft und den ärmsten Ländern das Wasser wegnimmt, das wir kaufen, weil wir lieber aus Plastikflaschen, statt aus dem Wasserhahn trinken. Wir können uns zwei Mal überlegen, ob wir Süßigkeiten mit Palmöl wirklich essen möchten und wir können unsere Ernährung generell umstellen. Wir können wählen gehen und mitbestimmen, wer uns repräsentiert. Wir können aktiv sein und laut – der beste Weg gegen den Status Quo ist der Status Quo. Ich bin überzeugt, dass wir in einer leisen unzufriedenen Minderheit leben – weil acht Menschen mehr haben als vier Milliarden. Nicht andersherum. 

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