Vor über einem Jahr hat die WHO die Corona-Krise zu einer Pandemie erklärt. Seitdem laufen wir im Lockdown-Hamsterrad rückwärts, unserer Psyche schadet das – es ist hart, unermüdlich und kontinuierlich das Beste aus schlimmen Situationen machen zu wollen. Wenn Extremzustände Normalität werden, dann werden wir krank. So fühle ich mich zumindest. 

Ein Text über Sensibilität, Beziehung und eine schmerzende Psyche

Ich war vergangenen Montag nicht auf der Arbeit. Mich hat den ganzen Sonntag die Angst geplagt, abzusagen, ich habe generell ein Problem damit, negativ aufzufallen - überhaupt aufzufallen. Ich war per sé nicht krank, ich hatte keine Corona-Symptome und keinen Durchfall, ich hätte mich zur Arbeit schleppen können, körperlich ging es mir eigentlich ganz gut. Seelisch aber nicht. Ich habe das ganze Wochenende geweint, vor Heimweh und Einsamkeit, vor dem Gefühl handlungsunfähig zu sein, in einem Land, das von der dritten Corona-Welle überschwemmt wird und mich dabei verschlingt. Es fühlt sich an wie zu viel Wasser schlucken, wenn ich atme. „Eigentlich geht’s mir gut“, sage ich zu meinem Freund. „Und uneigentlich, Chrissi?“ 

Das Eigentlich ist 2020 zum Problem geworden. Uns geht es allen eigentlich die ganze Zeit ganz gut. Wir nehmen diesen Zustand mittlerweile mit einem verständnisvollen Achselzucken hin, verweisen manchmal auf die schwierige Allgemeinsituation und dass es allen so geht – eigentlich ganz gut - wir verdrängen dabei unser Leid, und schauen nur noch auf Symptome wie Halskratzen und Fieber. Wenn wir negativ sind, ist alles positiv, Schlafstörungen und depressive Verstimmungen, Essstörungen und sämtliche andere psychische Dispositionen werden verdrängt. Auch sie sind Symptome einer Pandemie, deren Ende wir alle so sehr herbeisehnen.

Ich kann nur beschreiben, was die aktuelle Situation mit mir macht, wie müde ich von der Ungewissheit bin, die jede Infektions-Welle ein bisschen heftiger mit sich bringt, wie sich sozial Entzug auf meinen Körper auswirkt, wie dieser Zustand meine frische Beziehung auf die Zerreißprobe stellt, und wie schwer es mir fällt, das Schöne zu sehen.

Wir liegen im Garten auf dem Trampolin, die Sonne brennt. Ich sage zu meinem Freund, dass sich manchmal alles sehr schwarz anfühlt. Während ich diesen Text schreibe weiß ich nicht, wann ich nach Hause fliege. Ich bin für ein Praktikum in Ostafrika, mein Rückflug ist am 26. April, ich habe Angst, dass ich dann nicht mehr nach Hause komme – Grenzen schließen nicht mehr, sagt Paul – meine Sorgen-Irrationalität ist im Superlativ gefangen. Paul sagt, dass er manchmal glaubt, dass ich eine Depression habe. 

Die letzten Wochen waren sehr anstrengend für mich – ein Grund, warum ich nicht geschrieben habe. Sie waren nicht nur anstrengend, weil ich einen 40-Stunden-Job habe und meine Grund-Angespanntheit immer noch nicht ablegen kann, weil Ostafrika eben nicht Europa ist und mich das Gefühl nicht loslässt, dass ich mich überschätzt habe. Meine Grenzen formen den Globus, der in meinem Hals in Felsen-Größe pocht. Die letzten Wochen waren vor allem anstrengend für mich, weil ich die Auswirkungen der Pandemie nicht mehr verdrängen kann. Schutzmaßnahmen machen vorsichtig, Vorsicht macht angespannt, permanente Angespanntheit verursacht Stress, und permanenter Stress gräbt sich in die Psyche. Ich bin sehr viel müde in letzter Zeit. Müde vom Gefühl, müde von der Pandemie zu sein. Diese Müdigkeit ist so rastlos, dass sie mich nachts nicht schlafen lässt. Sie macht, dass mein Herz nachts sehr schnell schlägt und ich schwitze, obwohl meine Füße kalt sind. Diese Müdigkeit gibt mir das Gefühl, nie wieder schlafen zu können. Ich habe hier zum ersten Mal Schlafmittel genommen, mehrmals, und mich am Tag danach immer gefühlt, als hätte ich abends zu viel gekifft. Ich bin benebelt durch den Tag gestolpert, angetrieben von Energielosigkeit, lächelnd, um nicht grundlos anzufangen in Tränen auszubrechen. Ich habe tagsüber Angst ins Bett zu gehen, weil ich Angst davor habe, was mein Kopf macht, wenn er wieder nicht schlafen kann. Ich stelle mir vor, was meine Kollegen denken, wenn sie meine Augenringe morgens sehen und ich rechne aus, wie lange es noch dauert, bis ich wieder ins Bett gehen, und wieder nicht schlafen kann. Der Kreislauf ist toxisch und selbstzerstörend. Und wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Meine Essstörungen, die ich eigentlich sehr gut im Griff habe, wenn es mir gut geht, meldet sich in letzter Zeit wieder lauter. Ich kann mich nicht selbst versorgen und fühle mich sehr klein. Als wäre ich 5 Jahre alt und die Welt ein sehr beängstigender Ort. Ich bin 25 und sie ist es nicht weniger. In den letzten Wochen hat mir meine Psyche manchmal Angst gemacht. Es ist das schlimmste, nicht erklären zu können, warum es einem nicht gut geht. 

„Du musst darüber sprechen“, sagt mein Freund immer wieder, wenn ich ihn anrufe, im Tränenschleier, und sage, dass ich wirklich nicht mehr kann. Ich rede meistens erst, wenn es zu spät ist, ich ziehe mich in meiner Traurigkeit lieber zurück, weil ich mich schäme, dass es mir so schlecht geht. Ich schäme mich, weil ich mein Privileg sehe, jeden Tag wird mir mein Privileg vor Augen geführt: Einen Schlafplatz zu haben, genug zu essen, einen gesunden jungen Körper, einen deutschen Pass. Ich schäme mich, dass ich nicht schlafen kann, obwohl ich ein warmes Bett habe, während Millionen Kinder wenige Kilometer entfernt in Wellblechhütten auf dem kalten Boden liegen. Ich schäme mich, dass ich nicht essen kann, obwohl der Kühlschrank voll ist, während Millionen Menschen unweit von mir entfernt kein Essen haben. Ich leide und ich verurteile mich dafür – eigentlich geht’s mir ja ganz gut, mir muss es eigentlich ganz gut gehen, im Vergleich zu all den Leuten, denen es noch so viel schlechter geht. Ich merke, dass diese Unehrlichkeit zu mir selbst es nicht besser macht.  Selbstverleumdung ist keine Lösung. 

„Sei nicht so hart zu dir“, sagt mein Freund. Und ich bin sauer auf ihn, weil bei ihm scheinbar alles so gut läuft. Weil er durch die Krise kommt, als wäre es keine Krise, weil seine Psyche stark ist und sich unsere Dynamik deshalb verändert. Ich weine viel und er hört viel zu, ich bin viel ungerecht, er ist verständnisvoll, ich ziehe an seiner Energie, manchmal habe ich das Gefühl, ich sauge ihn aus. Ich bin der Part in der Beziehung, den ich immer vehement abgelehnt habe. Paul ist mittlerweile hier. Er ist früher nach Kenia gekommen als geplant, er würde das nicht aushalten, mich so leiden zu sehen. Wir leiden jetzt irgendwie zusammen, ich schaffe es immernoch nicht, mich aus meinem Loch zu befreien, dass ich selbst so aktiv mit gegraben habe. Wir streiten uns, weil ich nach Deutschland fliegen will, und dann wieder nicht, weil ich keine Entscheidungen mehr treffen kann, weil ich mir selbst so sehr misstraue. „Es ist anstrengend ich zu sein“, sage ich zu ihm. „Es ist nicht nur anstrengend, Chrissi, du bist so viel mehr als das.“ Ich versuche jetzt also das ‚so viel mehr‘ wiederzufinden. Es fühlt sich an wie im Sand zu graben und nicht zu wissen, nach was genau man sucht. Die extrem steigenden Corona-Zahlen machen alles so viel schwieriger. Wenn ich in manchen Momenten klar komme, dann klappt es in anderen umso schlechter. Die Unsichtbarkeit der Pandemie macht mich handlungsunfähig und ich stecke meinen Freund damit an. Ich merke, dass es unglücklich macht, der verbissene Willen, dass alles gut sein muss, wenn eigentlich gerade sehr viel nur eigentlich gut ist. 

Mich macht das sehr traurig. Ich bin sehr traurig, während ich diese Zeilen schreibe, weil ich spüre, dass ich gerade nicht wirklich ich selbst sein kann. Dass sich die Folgen der Pandemie wie eine zweite Haut an mich schmiegen und ich eine Neurose entwickele, mich permanent waschen zu müssen, um sie abzubekommen, die zweite Haut, so fühlt sich das an. Ich weiß, dass ich zu psychischen Dispositionen neige. Ich weiß, dass mir die Welt oft zu viel ist. Ich habe mich schon als Kind gefragt, ob ich hier reinpasse. Ich stelle mir die Frage noch heute. Ich lerne gerade die wahrscheinlich wichtigste Lektion meines Lebens. Man kann nichts dafür, wer man ist, das Wesen ist da, egal wie sehr man sich dagegen wehrt. Wenn ich versuche, meine Hoch-Sensibilität abzubauen, dann verwandelt sie sich in Gleichgültigkeit mir selbst gegenüber und dann spüre ich gar nichts mehr. Ich bin genau richtig so, wie ich bin, wir alle sind das, wenn wir ehrlich versuchen, der uns bestmögliche Mensch, mit unserem Umfeld und unserem Planeten zu sein. Es ist okay, nicht ‚liefern‘ zu können, belastet zu sein, traurig zu sein, verstimmt zu sein. Es ist aber nicht okay, diesen Zustand einfach anzunehmen. Ich merke, dass wir nur so verloren sind, wie wir zulassen, es zu sein. 

„Ich bin lieber hier als in Deutschland, weil hier jeden Tag die Sonne scheint und in Deutschland nicht. Das ist doch schon ein Grund, um glücklich zu sein“, sagt Paul. Ich nicke vorsichtig und finde es krass, dass er sich übers Wetter freuen kann. Ich werde das ab jetzt auch versuchen, jeden Tag, und jeden Tag neu. 

Während wir in den Himmel schauen und eine Raubvogel-Silhoutte im Schatten einer Wolke segelt denke ich über Perspektive nach. Der Grat ist schmal, zwischen Selbstmitleid und sich selbst ernst nehmen. Dass wir uns gegenseitig viel verzeihen werden müssen, haben wir in den letzten 12 Monaten oft gehört. Vielleicht hat Jens das nicht nur auf Lockdown-Strategien und Impf-Pläne bezogen. Vielleicht müssen wir uns auch selbst verzeihen und anerkennen, dass Extremsituationen extreme Gefühle auslösen. Und dass wir deshalb nicht stark oder schwach, nicht gut oder schlecht sind, sondern Menschen. Egal, wo wir uns gerade befinden. 

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