Ich bin gestern über einen Text gestolpert, der die globale Impfstoff-Diplomatie anprangerte. Viel für Wenige und zu wenig für Viele.  Die Kritik las sich sehr laut. Es könne nur einer sicher sein, wenn alle sicher sind. Es wurde gefordert, ärmere Länder stärker zu unterstützen, um möglichen Mutationen den Nährboden zu nehmen. Das Wort Mutation fällt im Zusammenhang mit dem globalen Süden öfter als das Wort Menschenleben. Internationale Politiker:innen sprechen davon, die ganze Welt so schnell wie möglich durch zu impfen.  

Diese Vision scheint nobel. Ihr Kern aber ist faul.  

Ich bin vor wenigen Tagen aus Kenia zurückgekommen und habe erlebt, wie Menschen auf dem ärmsten Kontinent der Welt tatsächlich über das Virus und seine Bekämpfung denken. Ich rezipiere viele westliche Medien. Die Darstellung der aktuellen Situation nehme ich zum Teil als verzerrt wahr. Ich möchte deshalb meine Erfahrungen mit dem Diskurs, der hier geführt wird, in Perspektive setzen. Ich wünsche mir, dass wir den Menschen, denen wir helfen möchten, auch zuhören. Ja, die ganze Welt braucht Impfstoff. Aber sie braucht noch so viel mehr. Und das nicht erst seit gestern.

Corona als Katalysator 

Auf dem afrikanischen Kontinent leben 1,3 Milliarden Menschen. 40% von ihnen in extremer Armut, das heißt, dass sie weniger als 1,90 US-Dollar am Tag zur Verfügung haben. Das liest sich abstrakt und bestenfalls spüren wir einen kleinen Hauch Mitleid, weil ein Bio-Brötchen hier fast so viel kostet und wir uns nicht vorstellen können, wie das ist. Wenn Mütter ihre Säuglinge auf dem Müll ablegen, weil tot sein besser ist, als elend zu leben. Klingt übertrieben, ich habe das aber gesehen. Das Mädchen von der Müllkippe heißt Britney, wurde adoptiert, hat überlebt. Britney ist kein Einzelfall. Extreme Armut ist ein unvorstellbares Konzept, eine Distopie, eine dunkle Realität, die wir nicht sehen, weil wir sie nicht sehen müssen, weil sie unangenehm ist und uns in unserem komfortablen Dasein stört.  

In dieser Realität sind Lebensmittel knapp und Wasser verschmutzt. Sanitäre Anlagen gibt es kaum, Krankheiten verbreiten sich schnell, Kinder sterben jung. Wenn Malaria und Cholera, Ebola und Aids Familien auseinanderreißen, dann kann ich verstehen, dass ein Großteil der Menschen sich keine Sorgen um eine Corona-Erkrankung macht. In der afrikanischen Presse habe ich gelesen, dass 90% der Krankheitsverläufe asymptomatisch sind. „Hunger ist schlimmer als Corona“, habe ich in den vergangenen Wochen oft gehört. Während wir uns in Deutschland um den fallenden DAX sorgen, steigt (nicht nur in Kenia) die Armut.

„Die Touristen haben das Virus ins Land gebracht. Jetzt sind sie weg und haben uns alleine gelassen“, sagt Peter, als er mich in Mombasa zum Flughafen fährt. Er ist Taxifahrer. Normalerweise ist sein Terminkalender voll, sagt er, in diesem Jahr nicht, und im letzten Jahr nicht, er ist sauer auf den Westen, und ich kann ihn verstehen.

Der gute Gedanke von COVAX reicht nicht

Die Globalisierung und der billige Flugverkehr haben exotische Länder im Kern verändert. Tourismus gestaltete sich in den letzten Jahren lukrativer als Landwirtschaft. Die Strukturen der Arbeitswelt haben sich angepasst, westliche Touristen sind zur Lebensgrundlage vieler Länder des globalen Südens geworden. Ich habe das gespürt, als ich mich durch Kenia bewegt habe. Mein Aussehen macht mich zu einer Touristin, auch wenn ich keine sein will. Ich habe die Verzweiflung der Menschen gespürt, wenn sie mir am Straßenrand ihre Armbänder und Tonkrüge verkaufen und mich mit ihrem Motorrad von A nach B fahren wollten, wenn sie mich nach Essen und nach Geld gefragt haben. Ich hasse mein Privileg, denke ich in jedem dieser Momente, während mich schambehaftete Demut überkommt und mir schlecht wird. Diese Menschen brauchen so viel mehr als eine Corona-Impfung. 

Anfang März ist in Kenia die erste Ladung Impfstoff, gesponsert von der Covax-Initiative, angekommen. Ich war bei der Pressekonferenz und beim Impfen der ersten Pfleger:innen dabei. Präsident Kenyatta hat die Ankunft gefeiert, wie das Ende eines Krieges. Das Vokabular war ähnlich. Die blühende Hoffnung verblasst hinter der Realität: In Kenia leben über 50 Millionen Menschen. Ein winziger Bruchteil kann mit der ersten Impfstoff-Ladung geimpft werden. Wann die nächste Ladung kommt, ist unklar. Indien, Produzierer-Land, hat die Verteilung erst einmal gestoppt, zu hoch sind die Fallzahlen im eigenen Land. Werden Menschenleben plötzlich national priorisiert?

Während ethische Fragen sich unter Rettungspläne der Weltwirtschaft mischen, wird am Patentrecht nicht gewackelt. Ich verstehe das nicht. Patente sind gut und wichtig. Patente schützen Produkte und Produzenten und stellen einen Anreiz zur wirtschaftlichen Entwicklung dar. So funktioniert Marktwirtschaft, so funktioniert Wettbewerb. So funktioniert aber kein Krisenmanagment. So funktioniert kein Lebenretten. Würden Biontech und Pfizer, Moderna und AstraZeneca ihr pharmazeutisches Patent öffnen, dann könnten auch andere Firmen den begehrten Impfstoff nachproduzieren. Warum passiert das nicht? Menschen werden in diesem Moment objektiviert und von einer Bürokratie plattgedrückt, die sich selber jagt. Die COVAX- Initiative ist gut und wichtig und sicherlich ein Hoffnungsschimmer. Sie ist aber nicht genug. 

Mutation statt Menschenleben

Ich glaube schon, dass der Kampf gegen die Pandemie einer der größten Kraftakte ist, die die globale Politik jemals stemmen musste. Ich glaube auch, dass es viel leichter ist zu kritisieren, als den Fortschritt anzuerkennen. Gleichzeitig lässt mich der Gedanke nicht los, dass die globale Zusammenarbeit vor einer falschen Intention stattfindet, und deshalb krankt. Ich glaube, dass falsche Intentionen immer Schatteneffekte im Nacken tragen. Ich frage mich, ob der Westen in der Impfstoffverteilung auch so großzügig wäre, wenn es die Angst vor Mutationen nicht gäbe. Ist das Retten sämtlicher Menschenleben in den ärmsten Ländern dieser Welt Priorität, oder ein netter Nebeneffekt im Kampf gegen das Virus? Damit wir in die Normalität zurückkehren können, endlich wieder Urlaub in Afrika, juhu. Mich umtreibt diese Frage so sehr, weil ich gesehen habe, was die westliche Anstrengung mit den Menschen vor Ort macht. Wenig. Auf Grund der intensiven Forschung zu Corona-Impfstoffen, wurde anderes vernachlässigt. Impfungen gegen Tuberkulose wurden zum Beispiel zurückgestellt. In diesem Jahr wird ein Rekord an Malaria-Toten erwartet. Sehr viel mehr Menschen hungern. 

Das war schon immer so, höre ich meinen inneren Realisten sagen. Man könne froh sein, dass es überhaupt Impfstoff gibt, für Afrika und Asien. Die Verteilung ist trotzdem unfair. Und nur weil es immer so war, muss es nicht so bleiben. Ich finde nicht, dass wir zuschauen dürfen, wie die Schere zwischen arm und reich zur unüberwindbaren Schlucht wird. Das Impfstoff-Debakel lässt sich auf Nahrungsmittel und Trinkwasser und sämtliche andere Ressourcen übertragen. Wir leben in einer Welt, in der Güter nicht fair verteilt sind. Angefangen im Kolonialismus zieht sich diese Ungerechtigkeit wie ein schweres Fischernetz durch die Weltmeere. Es fängt ein, was es kriegen kann und die wenigsten werden davon satt. Israel hat mittlerweile über 60% geimpft und damit beinah eine Herdenimmunität erreicht, in den USA ist die Impfreihenfolge aufgehoben, in Deutschland fangen Ärzte an zu impfen, Kanada hat mehr als doppelt so viele Impf-Dosen geordert, wie das Land braucht. In Krisen denkt man erstmal an sein eigenes Überleben, so funktionieren Menschen scheinbar. Wenn das eigene Überleben aber gesichert ist, dann muss nach links und rechts geschaut werden. Wir brauchen keinen Palast, während andere in Löchern sitzen. Mehr als zwei Mal können wir nicht geimpft werden – warum geben wir unseren Überschuss nicht einfach ab? Ich meine nicht nur AstraZeneca, der übrigens der Kern von COVAX ist, den jungen Frauen des globalen Südens munter injiziert wird, während er hier wegen Gesundheitsrisiken für Frauen unter 60 verboten ist. Hat jemand Menschen zweiter Klasse gesagt? Ich meine nicht nur den Impfstoff. 

„Dein Idealismus wird dich sehr unglücklich machen“, sagte eine junge Frau zu mir, die im Word Food Programm bei der UN arbeitet und die ich in Nairobi kennengelernt habe. „Diese Welt braucht Realisten, keine Idealisten.“ Mich beschäftigt ihre Aussage bis heute. Ich glaube teilweise hat sie recht. Idealismus bindet uns die Hände, weil sich die ganze Welt nicht retten lässt, und wir nur unzufrieden werden können, wenn wir das zu unserem Ziel gemacht haben. Ich werde meinen Idealismus trotzdem nicht ablegen. Ich kann nicht, und ich will nicht, weil ich überzeugt bin, dass die Welt sich eben doch verändern lässt. Jeder Mikrokosmos hat das Potenzial bunter und ein bisschen weniger unfair zu werden. Es braucht nur genug Menschen, die daran glauben und bereit sind, ein bisschen von ihrem zu viel abzugeben. So ist das auch mit COVAX. Es ist ein Anfang. Ich wünsche mir, dass es weitergeht, auch wenn das Leid des globalen Südens keinen sichtbaren Einfluss mehr auf das potenzielle Leid des globalen Nordens hat. Wenn die Welt tatsächlich irgendwann durchgeimpft ist und Afrika wieder sehr weit weg erscheint. Das ist nur scheinbar so. Einer ist nur sicher, wenn alle sicher sind. Das hört bei Corona nicht auf. Ich wünsche mir, dass diese Erkenntnis bleibt. 

 

Header image: Diana Poleknina, unsplash. 

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