Ein Gastbeitrag von Paul Trosien 

 

Der Frühling naht, die dritte Welle rollt. Ich schwebe zwischen Hoffnung durch den bevorstehenden Wetterumschwung und Resignation durch die mittlerweile gefühlt endlos anhaltende Corona Lage. Ich sitze auf dem Bett im Kinderzimmer meiner Freundin in der Nähe von Frankfurt, habe gerade die Einführungsvorlesung für spezielle Pathologie angesehen. Es ging um Corona, vorgetragen durch einen der ersten Infizierten vom Beginn der Pandemie, einem Professor der Uniklinik Tübingen. Mit aller Härte wird mir wieder einmal bewusst, wie viel Angst man eigentlich vor diesem Virus haben sollte und wie gleichgültig, im Kontrast, unser Umgang mit ihm geworden ist. Sterbende Menschen verkommen von Einzelschicksalen zu trockenen Zahlen im täglichen Inzidenz Update. Und ich bin ganz schön privilegiert. Als Medizinstudent im klinischen Semester wurde ich trotz meines Alters von 26 Jahren gestern zum ersten Mal geimpft, der zweite Termin steht auch schon. Ich sitze mit meiner Freundin auf einem Kuhdorf, wir schauen uns virtuelle Vorlesungen an, gehen joggen, spielen Risiko. Unser Risiko einer Infektion ist gering. 

Meine Freundin ist Journalistin, schreibt freiberuflich Artikel für eine hessische Tageszeitung. Ob ich mit ihr die geplanten Interviewfragen durchgehen könnte, fragt sie mich. Sie soll für besagte Zeitung ein Interview mit einer Intensivpflegerin des größten Klinikums der Region durchführen. Sie fragt mich, ob mir noch weitere Fragen einfallen würden. Ich denke an TV Talkrunden weit vor der Pandemie in denen es schon um den Pflegenotstand ging. Denke an Peter Altmaier, der am Anfang der Pandemie gegenüber einer Moderatorin selbstgefällig versicherte, dass sich jetzt endlich etwas zugunsten des Pflegepersonals verändern würde. Ein Jahr später steht die Gesundheitsversorgung kurz vor dem Kollaps, man hört mehr und mehr Berichte über Burnout unter Pflegekräften und Ärztinnen, Berichte über medienwirksam-, aber dennoch ungleich verteilte Corona-Boni, von denen viele Pfleger nie etwas gesehen haben. 

„Ob sich die Pflegerin von der Politik und deren leeren Versprechungen im Stich gelassen fühlt?“. Das wäre meine Interviewfrage. „Politische Fragen sind mir verboten worden. Ansonsten erlaubt der Klinikträger kein Interview“. Mit einem Gefühl der Frustration gehe ich mir einen Tee machen, dann dämmert es mir. All die Politiker, die Verbesserung versprachen. Sollte man ihnen tatsächlich Glauben schenken anstatt Wahlkampf zu unterstellen, reichen ihre Worte nicht an die Wurzel des Problems. 

Pflegende und Ärzte werden in Deutschland zum Großteil nicht vom Staat bezahlt. Die Mehrheit der Krankenhäuser in Deutschland ist in der Hand privater Träger. Gesundheit ist nicht ein gemeinschaftlich durch Steuern finanzierter Luxus, den sich ein so reiches Land wie Deutschland leisten könnte. Es ist eine Industrie. Die privaten Träger betreiben Krankenhäuser gleich wie ein Metzger sein Schlachthaus. Stimmen die Bilanzen, so ist alles gut. Sind die Pfleger und Ärzte unzufrieden, so werden sie einfach durch billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland ersetzt, die aus ihren Heimatländern noch bedeutend niedrigere Löhne gewohnt sind.  Die Umsätze dieser Industrie sind hoch, die Gehälter der Vorstände auch, die Lobby dementsprechend mächtig. Es geht um Zahlen, nicht um Menschen. Es liegt im Interesse der Krankenhauskonzerne, den Diskurs über die Arbeitsbedingungen klein zu halten. In weiterer Konsequenz auch darüber, ob es überhaupt richtig ist, das Gesundheitssystem als Industrie zu sehen, die Geld erwirtschaften muss. 

Darüber liest man erstaunlich wenig. Corona lenkt gewissermaßen ab, von dieser viel wichtigeren Frage. Denn nicht Corona ist Schuld daran, dass es in deutschen Krankenhäusern kriselt. Corona macht diese Missstände nur der breiten Masse endlich sichtbar. Umso wichtiger ist es, dass wir nach dieser Pandemie nicht einfach weitermachen wie bisher und die Pflegekräfte wieder sich selbst als austauschbare Rädchen in einer privaten Geldmaschinerie überlassen. Viel mehr sollten wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir unsere Gesundheit weiter zu einer Ware machen wollen, die durch Unternehmen kapitalistisch ausgebeutet wird. 

Die Interviewfragen für die Intensivpflegerin hat meine Freundin versendet und wenn alles gut läuft, wird kommende Woche ein weiteres, von derzeit so vielen Interviews zu einem gerade „trendigen“ aber nicht weniger wichtigem Thema, in besagter Tageszeitung zu lesen sein. Leider in entscheidenden Punkten von vornherein zensiert.

 

Foto: Daan Stevens (https://unsplash.com/photos/yGUuMIqjIrU)

 

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