Ja, es ist kalt. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Winterjacke bis über mein Kinn und meine Nase hoch. Ich ärgere mich, dass ich meine Mütze vergessen habe und meine Finger zu kalt sind, um eine Nachricht zu beantworten. Ich denke über Touch Gloves nach. Als ich vor der Notunterkunft Franklinstraße ankomme, schäme ich mich für meine Gedanken. Es ist 17 Uhr. Ein paar Männer stehen vor dem Tor, die Arme verschränkt, die Handinnenflächen eingerissen, von den Henkeln der Tüten. Ein Mann mit dunklen Haaren und Bart trägt nur einen Kapuzenpullover, er tippelt von einem Fuß auf den Anderen. Es sind minus sieben Grad. Ich lächele vorsichtig und fühle mich schlecht, dass ich durch das Tor gehen kann, ohne durch das Tor gehen zu müssen. Um 18 Uhr werde ich die Männer im Flur wiedertreffen. Es riecht nach kalter Ungerechtigkeit.

Jürgen Mark ist ein freundlicher Mann. Er strahlt Wärme aus und ich fühle mich sofort wohl. Ein Gastgeber, denke ich. 365 Tage im Jahr. Seit 32 Jahren arbeitet er bei der Notunterkunft Franklinstraße, heute leitet er sie. Ich frage sofort nach der Kälte, weil ich meine Füße immer noch nicht spüre und das Thema mir so nah wie wichtig erscheint. Jürgen lacht. Ich bin nicht die erste, die fragt. „Wohnungslosigkeit gibt es das ganze Jahr über. Nicht nur im Winter.“ Auch die Hitze sei lebensbedrohlich und die Situation nicht weniger schön oder schlimm, wenn die ersten Bäume Blätter bekämen oder kahl würden. Für die Medien sei die Kälte besonders interessant, weil wir alle sie nachfühlen könnten. Kälte generiert Aufmerksamkeit. Kälte macht keinen Halt, vor Menschen mit Wohnung und Heizung. „Letzte Nacht waren 220 Plätze in Notunterkünften frei“, sagt er. „Es ist ein Mythos, dass wir ausgelastet sind.“  Ich bin überrascht. Ich kann mich an Artikel erinnern, die über abgewiesene Obdachlose schreiben, von Kältetoten und einer fehlenden Infrastruktur für wohnungslose Menschen. Es wird selten darüber berichtet, wie gut das System funktioniert. „In Berlin muss niemand auf der Straße schlafen“, sagt Jürgen. Zum ersten Mal nehme ich diesen Satz bewusst wahr. Warum schlafen Menschen dann auf der Straße? Wahrscheinlich wegen der Hunde, denke ich. Jürgen erklärt mir, dass es genug Unterkünfte gibt, die Tiere erlauben. Ich merke, wie schlecht ich informiert bin und wie falsch das Thema Obdachlosigkeit oft diskutiert wird. Während wir in seinem Büro sitzen und reden höre ich Stimmen vor dem Gebäude, eine Unruhe, die sich durch den Raum bewegt wie eine kalte Brise durch ein offenes Fenster. Um 18 Uhr öffnen die Türen der Notunterkunft Franklinstraße. Jeden Tag, für 73 Menschen seit 32 Jahren.

Kein Ort für Kinder

Und was mit Nummer 74, denke ich. Menschen sind keine Nummern. Obdachlosigkeit mag ein Schleier sein, unter dessen Tuch sich eine homogene Masse zu bewegen scheint. Obdachlosigkeit hat ein Gesicht und bis zu 10.000 Namen in Berlin. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales möchte das ändern. Sie sorgte dafür, dass die Strategiepläne und Leitlinien, seit zwanzig Jahren nicht verändert, der aktuellen Situation entsprechend angepasst wurden, sie will Obdachlosenzahlen vollständig erfassen, ihre Arbeit trifft „den Puls der Zeit“, so Jürgen. Auch Nummer 74 muss sich keine warme Brücke oder einen offenen U-bahnhof suchen, wenn er oder sie das nicht möchte. Wenn alle Betten zu 97% ausgelastet sind, dann wird Frau Breitenbach informiert und neue Räumlichkeiten werden geschaffen. Den ganzen Tag für ein warmes Bett anstehen ist ein Mythos. Die Franklinstraße ist keine Dauerlösung, sondern ein Zwischenstopp, auch im Frühling. Jürgen ist Sozialarbeiter und Diplomat, Seelsorger und Freund. Er erzählt mir von einem Neuseeländer, der mehrere Monate in der Franklinstraße Gast war, weil er ausgeraubt und verlassen, sein Flugticket nach Hause nicht zahlen konnte. Er erzählt von einer hochschwangeren Frau aus Gambia und von seinem jüngsten Gast, einem zwei Tage alten Baby. 2017 haben 90 Kinder in der Franklinstraße übernachtet, 2016 über 600 Minderjährige. „Das ist in den letzten Jahren viel zu oft passiert“, sagt Jürgen. „Kinder sind in diesem Haus mit Leib und Seele gefährdet.“ Ich frage ihn, was er damit meint. „Kinder sollten nicht in einer gewalttätigen Umgebung schlafen müssen.“ Er spricht von aufgestauter Aggression und Übergriffen, von Junkies, Pädophilen und psychisch Kranken. Ich denke an den Mann im Kapuzenpulli und kann die verzweifelte Wut der Menschen verstehen.

Information ist die beste Hilfe

Als Jürgen mir auf ebenerdiger Etage das Einzelzimmer zeigt, für Rollstuhlfahrer, frage ich ihn, wie man wirklich helfen kann. Obdachlosigkeit löst häufig Ohnmacht in mir aus, ich schaue weg, wenn jemand in der Bahn nach Geld fragt, weil ich nicht weiß, wie ich hinschauen soll. Manchmal halte ich dabei die Luft an. „Was ich einfältig finde, ist den Leuten einen Euro in die Hand zu drücken. Hier muss niemand Hunger oder Durst haben.“ Auch Sachspenden würden oft nicht weiterhelfen. „Wir leben in einer Überflussgesellschaft“, sagt er. Menschen würden oft ausmisten und, ein gutes Gewissen erzeugend, spenden, was sie nicht mehr bräuchten. „Was sollen wir mit silbernen Stilettos?“ Ich muss lachen, eine Übersprungshandlung. Jürgen schlägt vor, die Menschen mit Adressen von Notübernachtungen in der Nähe zu versorgen. „Man fährt doch meistens die gleiche Strecke. Da kann man sich informieren, was auf dem Weg liegt, damit ist den Menschen am meisten geholfen.“ Vor allem im Winter sollte man nicht wegsehen. Unterkühlungen werden oft viel zu spät bemerkt. Wir fragen doch sonst jeden den wir treffen, wie es ihm geht.

Es ist kurz vor sechs. Jenny steht schon hinter einem kleinen Tresen, neben ihr ein Wagen mit frischen Handtüchern. Hier melden sich die Menschen an, eine kleine Rezeption. An der Tür hängt die Hausordnung. Liebe Gäste, steht darüber. Jürgen zeigt mir das Esszimmer, den Fernsehraum und die kleine Küche. Es riecht sehr gut, die kochenden Frauen lachen, es gibt Gemüseeintopf und für den ersten Hunger stehen belegte Brote im Speisesaal. Jeder, der hier essen und übernachten will, muss sich anmelden. Manchmal ist das kompliziert, im vergangenen Jahr hörte Jürgen 97 verschiedene Sprachen. „Keiner von uns spricht Hindu oder Mandarin“, sagt er. Ist das nicht frustrierend, frage ich. Jürgen lacht. „Ich wollte immer Hardcoresozialarbeit machen.“ Ihm sei bewusst, dass das Problem nicht final gelöst werden kann. Aber temporär, und wenn es nur für eine trockene, warme Nacht ist.

Wir gehen über das steile Treppenhaus in den ersten Stock. Ich weiß jetzt, was Jürgen meinte, als er sagte, dass jeder sein Bett auf eigenen Füßen und ohne fremde Hilfe erreichen können muss. Die erste Tür hat keine Klinke, sie wird mit einem Stopper in der Küche geöffnet. Ein Schutzraum für Frauen. Ob es mehr obdachlose Frauen gibt als früher? Nein. „Sie trauen sich aber immer häufiger zu uns zu kommen.“ Das Vierbettzimmer hat Hostelcharakter mit den schwarzen Doppelstockbetten, der bunten Bettwäsche und dem rosa Duschvorhang. Auch die anderen Zimmer wirken einladend gemütlich. Es riecht nach Putzmittel. Am Ende des Flures befindet sich ein spezielles Zimmer, ausgestattet mit zwei Krankenhausbetten. Matratzen lehnen an der Wand. „Hier haben Familien auch schon zu acht geschlafen.“ Morgens um sechs werden die Menschen geweckt, bis halb acht gibt es Frühstück, wenn die Stadt um acht aufwacht, müssen sie das Haus verlassen. Jürgen spricht von jungen Männern, die noch nie einen Wecker gehört haben und keine Strukturen kennen. Es ist mittlerweile kurz nach sechs. Im Speisesaal sitzen bereits Menschen, die sich an Tassen wärmen. Ich lächle und fühle mich unangenehm privilegiert.

Wenn Elend zu Geld gemacht wird

Jürgen nimmt sich viel Zeit und gibt mir auf diese Weise einen Einblick, der sich weder mit meinen Voreinstellungen deckt, noch die Diskurshoheit Obdachlosigkeit stützt. Ich weiß retrospektiv nicht, was ich erwartet habe. Die Franklinstraße ist ein Ort voll warmer Hoffnung. Kurz bevor wir uns verabschieden erzähle ich ihm, dass ich gerne eine Nacht den Kältebus begleiten würde. „Das wollen sie alle“, sagt er und schaut mich mit seinen blauen Augen eindringlich an. Auch Journalist*innen schwimmen auf Wellen. Mittlerweile, sagt Jürgen, würden fast täglich Medienmacher*innen mit dem Kältebus mitfahren. Die Fahrer seien genervt, der mediale Hype riesig. „Mit Elend sollte man kein Geld machen.“ Mich bedrückt die Aussage und sie bringt mich immer noch zum Nachdenken. Obdachlosigkeit darf nicht instrumentalisiert, Schicksale nicht aus persönlichem Interesse zu Geschichten gemacht werden. Alle Journalist*innen, die im Kältebus mitfahren, nehmen Hilfebedürftigen eine ganze Nacht einen wertvollen Platz weg. Ich möchte kein Platzhirsch sein. Jürgen scheint zu spüren was ich denke und lächelt. Die Arbeit mit Obdachlosen sei auf Spenden angewiesen und deshalb oft eine Gradwanderung zwischen echtem Interesse und Selbstzweck. Das ist nicht nur bei Obdachlosigkeit so, denke ich. Gut, dass jeder selbst entscheiden kann, was für ein Mensch er sein möchte. 

Als ich Jürgen verabschiede ist Hochbetrieb in der Franklinstraße. Buntes Stimmengewirr begleitet mich nach draußen, ich schnappe Wortfetzen auf und ich sehe keine einzige Frau. Kalter Januarwind bläst mir ins Gesicht, ich vergrabe meine Nase unter meinem Schal. Es ist verrückt, wie gut man denkt informiert zu sein, obwohl man gar nichts weiß. Wie schnell man Meinungen bildet oder übernimmt, die nicht auf authentischen Eindrücken, sondern vermeidlichen Fakten beruhen. Wenn ich zu Hause bin, werde ich mir die Nummer des Kältebusses einspeichern, das sollten wir alle tun. Ein bisschen Wärme, die jeder abgeben kann.
0178/5235838

 

1 Kommentar

Verschachtelt

  • KIRA  
    Danke für diese eindrucksvolle Schilderung, liebe Chrissi, ich kann mir richtig gut vorstellen, wie du dich gefühlt hast - privilegiert und irgendwie fehl am Platz. Wir sollten endlich damit aufhören, Obdachlose als fremd und andersartig zu behandeln, letztendlich sind wir alle Menschen mit den gleichen Grundbedürfnissen, die niemandem verwehrt werden sollten.

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