Es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, wie man sich an einem Ort einleben muss, der einmal das alleinige zu Hause war. An der Wand in meinem alten Kinderzimmer hängen Panini-Fußball-Sticker, es war die Schweini und Poldi Zeit, als ich Pubertier meine Wand dunkelrot gestrichen habe. Jetzt sitze ich hier, in meinem eigenen kleinen Edelpuff und schaue aus dem Fenster. In Spanien habe ich vor ein paar Tagen noch von der intensiven Natur geschwärmt, den satten Farben und den unendlich bunten Blumen. Das Gras ist anderswo immer grüner, es fällt mir schwer, mich hier an Mohnblumen und Sumpfkresse zu erfreuen. Mutter spielt mit mir „Was blüht denn da“, ich bin wieder 10 und habe keine Ahnung, wie Schöllkraut aussieht. Gestern gings mir besser, heute geht es mir wieder gut. Ich traue mich auch bei Tageslicht wieder auf die Straße – nicht nur, weil ich mich mehr als 100 Meter von einer Toilette wegbewegen kann, sondern vor allem weil ich mich stark genug für Fragen fühle. In meinem Ort wohnen knapp 1000 Menschen. Man kennt sich. Das ist schön, das kann aber auch sehr anstrengend sein, wenn man unerkannt bleiben möchte. Ich ziehe mir die Regenjacke tief ins Gesicht, als ich mit meinem Hund Gassi gehe. „Schon wieder da?“ Es schreit von der gegenüberliegenden Straßenseite. Mein Hund zieht, ich bin ein höflicher Mensch, streiche die Kapuze zurück und bleibe stehen. Ich habe sofort den Impuls, von meinem Keim zu erzählen, ich würde gerne übertreiben und von einer gefährlichen Operation berichten, fast gestorben wäre ich, auf dem Feldbett, in Burgos, ich lächele freundlich. „Ja, bin letzte Woche zurückgekommen.“ Ich nenne ihn einmal Hans, den netten älteren Herren, der meine erste große Herausforderung im Umgang mit meiner aktuellen Situation war. Hans mustert mich und sagt: „Also hast du Santiago de Compostela nicht erreicht.“ Das ist sehr unsensibel, Hans. „Nein, habe ich nicht“, sage ich freundlich. Hans erwartet wohl, dass ich mich rechtfertige, oder mich erkläre. Ich habe ein Ziel nicht erreicht, das muss doch einen Grund haben. Hans kennt Gründe, sowie Hans Ziele kennt, ohne selbst welche zu haben, deshalb schaut Hans mich erwartungsfreudig an. Ich sage nichts. Hans nickt, ich nicke auch, mein Hund pinkelt gegen die Hecke. „Und wie geht’s dir jetzt damit?“ Meine Freundin schaut mich an. „Es geht“, sage ich. Und es geht irgendwie. Meine depressiven Verstimmungen halten sich soweit in Grenzen, dass ich jeden Morgen um kurz nach sieben das Bett verlasse, um nach Produktivität zu suchen. Ich will so viel, aber kann so wenig, weil Niederseelbach nicht Berlin ist. „Leere kann auch erfüllend sein“, höre ich meinen Opa sagen, während ich dem Gras beim Wachsen zuhöre. Gras wächst nicht in fünf Minuten, länger fällt es mir schwer, mich zu entspannen. Meine aktuelle Situation zwingt mich zu Ruhe. Aktuelle Situation hört sich dramatischer an, als es ist. Ich könnte auch ‚Urlaub bei meinen Eltern‘ sagen, aber Gefühle und Implikationen überschneiden sich an dieser Stelle leider nicht. Es fühlt sich an wie festhängen. Ich hänge fest, das tut mir beinah körperlich weh, ich laufe mehr rückwärts als vorwärts, mein Geist ist es gewohnt zu rennen, mein Geist läuft chronisch Marathon. „Vielleicht sollte dir der Weg das zeigen, Schatz. Dass es wichtig ist, auch mal stehenzubleiben und sich umzusehen. Du übersiehst so viel, wenn du immer nur rennst.“ Ja, Mama, vielleicht ist das so.

„Was macht die große Stadt?“ sagt das Frauchen von Lady und schaut mich liebevoll an, während sich unsere Hunde beschnuppern. Sagt ihr’s mir, liebe Freundinnen, was macht die Stadt? „Steht noch“, sage ich. Weil sie mich verständnislos anschaut, erzähle ich von meinem Sein in der großen Stadt. Ich werde immer traurig, wenn ich an Berlin denke. Ich bin traurig, während ich diese Zeilen schreibe, ich bin so traurig, weil ich zu Hause bin, ohne zu Hause zu sein. Ich vermisse Berlin schmerzlich, weil meine Herzensfamilie dort lebt, weil mein Herz der Stadt gehört und sich mein Körper zum Takt der Stadt bewegt. „Im August?“ Ich hänge am Telefon und versuche einen Zahnarzttermin auszumachen. Ob ich schon mal da war. Nein. Ich bin neu hergezogen. Also eigentlich nicht, es ist kompliziert. „Für Neupatienten haben wir erst in vier Monaten Kapazitäten.“ Ich merke, dass ich keine Neupatientin sein will. Ich vermisse sogar meinen türkischen Zahnarzt. „Dann lieber nicht“, sage ich der netten Sprechstundenhilfe und mache mir einen Termin in Berlin.

„Was machst du so?“ Die Floskel wird zur tatsächlich interessanten Frage, wenn es so wenig zu tun gibt, wie hier. Einem kranken Gemüt ist es egal, ob Großstadtsmog oder Landluft durch das geöffnete Fenster strömen, Körper und Geist sind allein darauf ausgerichtet, gesund zu werden. Ein gesundes Gemüt hingegen will seine Energien nutzen. Das ist in der Großstadt leichter, Bedürfnisbefriedigung wartet an jeder Ecke, betäubende Sinneseindrücke und Reizüberflutungen ebenfalls. Auf dem Dorf wartet nichts. Die Frage ‚Was machst du so‘ ist also tatsächlich sehr interessant. Ich stelle sie mir jeden Morgen ebenfalls. Vor lauter Zeit habe ich angefangen zu backen und zu kochen, morgen fahre ich aufs Erdbeerfeld, um Erdbeeren zu pflücken und Marmelade zu machen, ich lese viel und schreibe viel und denke über das Leben nach. Ob ich schon fertig mit der Schule sei, wurde ich gestern gefragt. „Mit dem Studium, ja.“ Ob ich schon einen Job hätte. Ich habe gelogen, weil ich die ständige Auseinandersetzung mit der Box leid bin. Ich fühle mich zu klein, um Strukturen aufzubrechen. Ich muss nicht danach leben, kann sie aber durch mein bloßes Dasein nicht wegschieben. Ich will noch nicht arbeiten und ich will noch nicht weiterstudieren, weil ich spüre, dass gerade etwas anderes auf mich wartet. „So läuft das Leben aber nicht“, sagt mein Wirtschaftsingeneur-Kumpel. „Du träumst zu viel.“ Das mag sein. Ich träume viel und ich lebe in meinem Kopf. Ich habe eine kindliche Phantasie und ein Weltbild, das an manchen Stellen naiv sein mag. Mein Farbkasten ist wahrscheinlich ein bisschen zu grell, ich bin zu laut und irgendwie verschoben. Aber ich will nicht davon abkommen, dass man alles sein kann, wenn man dafür brennt. Dass man die Welt entdecken und von ihr lernen kann, wenn man das möchte und dass das Leben nur das Beste bereithält, wenn man sich dem öffnet. Lieber Hans, du hast Recht, ich habe es nicht bis nach Santiago de Compostela geschafft. Ich werde mich wieder auf den Weg machen. Vielleicht werde ich es wieder nicht schaffen. Santiago wird es wohl noch einige Jahrzehnte geben, vielleicht laufen wir mal zusammen hin, soll schön sein dort. Lieber Hans, was ich dir gestern nicht sagen konnte: Ich bin nicht gelaufen, um anzukommen. Ich habe das zwischendurch selbst vergessen, der Weg hat mich, was ein Glück, daran erinnert. Ich bin gelaufen, um mir selbst zu begegnen. Ich komme mit einem kleinen Stück Seelenfrieden zurück. Und einem Keim, aber ich glaube den bin ich losgeworden. Aber der Seelenfrieden bleibt. Lauf doch auch mal, Hans, das würde dir sicherlich guttun. 

1 Kommentar

Verschachtelt

  • Kira  
    Ich glaube, das ist bisher mein Lieblingsblogeintrag von dir. Wieso, erzähle ich dir am Freitag.

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