Das "Über mich" ist wohl der Max Mustermann unter den Blogeinträgen. Das Datum auf der rechten oberen Seite des karrierten Blattes in der Schule. Das 'Auf die Holztischplatte klopfen' nach der Vorlesung. Es ist gar nicht so leicht, über sich zu schreiben, geht man davon aus, Menschen zu addressieren, die einen nicht kennen. An dieser Stelle frage ich mich, was ich antworten würde, fragte mich mein Chef, hätte ich einen Job, also ein Job-Interview, welche drei Characktereigenschaften mich auszeichneten. Pünktlich, zuverlässig und ehrgeizig sind wohl zu klassisch-erwartbar-langweilig. Man möchte sich ja abheben. Man ist ja etwas Besonderes. Papa würde sagen 'clever', Mama würde sagen 'genau richtig', meine Freunde würden sagen 'ein bisschen seltsam'. Oder ein bisschen mehr.

Ich bin Chrissi und ich möchte mich weder drei Adjektiven zuschreiben - noch möchte ich mich überhaupt beschreiben. Beschreibungen exkludieren, weil sie niemals alles erwähnen können. Das Unerwähnte wird zum nicht Vorhandenen. Ich möchte nicht, dass etwas Vorhandenes zwecks Nichterwähnung in die Tiefen der Vergessenheit gerät, nie stattgefunden zu haben scheint, weil es keiner Erwähnung auf dem Papier würdig erschien. Eine Machtfrage. Ich studiere Journalismus. Sage ich immer. Eigentlich heißt mein Studienfach Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Darunter kann sich aber, fernab meiner homogenen Studienblase, kaum jemand etwas vorstellen. Um die Frage zu umgehen, was man denn damit später (wann ist überhaupt später?) machen kann, sage ich Journalismus. Ich möchte Journalistin werden. Vielleicht bin ich es schon, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt: Vielleicht ist Agathe, die über ihre Fingernägel bloggt, auch Journalistin. Und Bibi, und Pamela. Grüne Smoothies und Abs, so inhaltsleer wie gesund sie sein mögen, lassen sich journalistisch mindestens genauso gut aufarbeiten, wie das Zerbrechen der SPD oder die finanzielle Situation Italiens. Das mag man furchtbar finden, weil man konstant von politik- und wirtschaftsschwangeren Themen überschwemmt werden möchte. Ich finde es schön, weil sich jede*r der Themen bedienen kann, die gerade von Interesse sind, oder sein, oder werden könnten. 

Ich wollte schon lange einen Blog schreiben, weil ich schon immer Gedanken habe, die sich auf einem Absurditätsbarometer bewegen. Das hat mich gleichzeitig daran gehindert, aus Insolationsangst vielleicht, oder aus Angst vor Überschwemmung. Ich wohne in Berlin und studiere 'irgendetwas mit Medien'. Das Fass an innovativer Kreativiät ist schon übergelaufen, als Neukölln noch nicht gentrifiziert war. Ich bin Perfektionistin und die Angst zu Versagen begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich möchte keine Angst mehr haben, weil ich nicht mehr gehemmt sein möchte, weil Hemmung lehmt und Lehm sich nur in der für meine Mutter selbstgetöpfterten Kupfergießkanne in Form eines Schafes gut macht. Ich bin ein extremer Mensch, in alle Richtungen. Ich bin sehr neugierig und sehr sensibel. Gleichzeitig sehr verkopft, mit einer trotzig-kindischen Wut und einer Leichtigkeit des Seins, die sich in unregelmäßigen Abständen den Schwermut der Welt zu Eigen macht. Ich habe eine unzubändigende Phantasie und glaube daran, dass kollektiver Mut die Welt verändern kann. Und muss. Ich stehe kurz vor meinem Studienabschluss. Ich hatte immer einen Plan in meinem Leben. Strukturiert, kontrolliert, ein bisschen zwanghaft vielleicht. Ich spüre, dass ich nicht weiterstudieren will, Arbeiten aber gerade auch keine Option ist. Nicht aus Faulheit oder fehlender Motivation, sondern aus leidenschaftlichem Bewusstsein, dass meine Aufgabe gerade eine Andere ist.

Geisteswachstum und Charackterbildung lassen sich nicht in Strukturen pressen. Ein gesellschaftlich vorgefertigter Weg fühlt sich gerade an wie lebendig sterben. Ich möchte meinen Horizont erweitern, weil ein Horizont niemals endet und ich möchte meine Grenzen austesten, um sie für mich definieren zu können. Ich möchte mich inspirieren lassen und bestenfalls inspirieren, auf der Suche nach meinem Weg. Ein Blog eigent sich da ganz gut, um Menschen daran teilhaben zu lassen, denen es ähnlich geht, die sich verstanden fühlen wollen, im Universum des Unverstandenseins. An alle, die denken, dass sie anders sind, ein bisschen seltsam vielleicht. Oder nur an Mama und Papa, die sich fragen, "was man mit einem Publisitik Studium denn später machen kann". Man kann alles machen, und nichts, egal mit welchem Abschluss.  Tucholsky würde sagen : "Entspanne dich, lass das Steuer los, trudle durch die Welt, sie ist so schön." Danke Kurt. Schade, dass wir uns nicht mehr kennen lernen durften. 

3 Kommentare

Verschachtelt

  • Kira  
    Liebe Chrissi,
    ich habe mich sehr gefreut, als du mir heute von diesem Blog erzählt hast. Ich bin schon sehr gespannt, bald mehr von dir hier zu lesen, denn du bist ein sehr inspirierender Mensch, dessen Gedanken nur geteilt werden sollten. Danke für deine Kraft und deine Lebensfreude, die mich immer wieder mitreißt!
  • Marley  
    Mir fehlen die Worte Chrissi! Toller Blog, inspirierender Text - ich habe Gänsehaut bekommen. Bin aus Zufall auf deinen Blog gestoßen und bin echt begeistert, wie gut du deine Gedanken in Worte fassen kannst. You go girl!
  • Coco  
    Liebe Chrissi,
    du inspirierst jetzt schon jeden Tag die Menschen um dich herum! Ich freue mich ganz viel von dir zu lesen und zu sehen was dein Absurditätsbarometer noch so zu bieten hat. Kuss, Coco

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