Wie schnell sich eine Selbstbeschreibung ändern kann. Gerade lösche ich die Zeilen, die ich noch vor einem Jahr so passend fand und versuche, einen akkurateren Text zu schreiben. Wahrnehmung ändert sich, so wie Darstellung sich verändert, so wie Realität sich verändert, und mit ihr die ganze Welt. Wer bin ich überhaupt? Wir denken schnell und wir leben unruhig und können trotzdem kaum mithalten, in einem Universum, das vor lauter Krisen und Veränderungen eigentlich auseinanderfallen müsste. Es müsste platzen und dann irgendwann würde Leben auf einem anderen Planeten entstehen - ein postindustrieller Urknall - würden wir nicht im Konjunktiv leben, oh ja, dann könnten wir so viel. Wir können aber nicht, die Konjunktivblase ist durchlässig und fragt schüchtern nach revolutionärem Mut, Aktivismus und politischer Verantwortung. 

Ich bin Chrissi, 24, und ich habe die Nase voll, vom chronischen 'Nicht-können'. Und vom Konjunktiv. Ich bin wütend auf das System, dass krankt, und dabei abfärbt, das Depressionen fördert und Essstörungen und Kinder, die denken, niemals gut genug zu sein. Dass kurz vor der Überhitzung steht und von innen fault. Ich bin wütend, weil so viele Menschen durchfallen, durch das fragile Systemnetz aus kapitalistischen Seilen und Schönheitsidealen, das Machtstrukturen festigt, Armut und Reichtum definiert, und  einigen Wenigen Chancen nimmt, ohne sie zu geben. Welches System ich meine? Vielleicht das Weltpolitische, das sich makrokosmisch in jedem Land, und mikrokosmisch in jeder Lebensrealität, in jedem Haushalt und an jedem Arbeitsplatz, in jedem Kinderzimmer und jedem Altersheimbett wiederfindet. Ich bin wütend auf Länder, die dabei zusehen, wie ihre Demokratien ausgehöhlt werden, wie Freiheit vorgegaukelt und Angst geschürt wird. Ich bin wütend auf eine Politik, in der Rechtsradikalismus Platz hat. Generell Radikalismus. Ich bin wütend auf Autokratien. Ich bin wütend auf Männer, die Frauen demütigen, ich bin wütend auf Frauen, die Männer demütigen, ich bin wütend auf von Sexismus und Antisemitismus und Homophobie und Islamophobie getriebene Anfeindungen und Ausschreitungen. Ich bin wütend auf Antifeministen. Und auf's Ehegattenslitting und die 40-Stunden-Woche. Ich bin wütend auf unachtsames Miteinander, auf egoistischen Hass, auf isolierende Ängste vor Unbekanntem. Ich bin so wütend. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin.

"Keiner hat das Recht zu gehorchen", sagte Hannah Ahrendt. Ich möchte laut sein und meine Wut nicht in passives Selbstmitleid, sondern in produktiven Aktivismus verwandeln. Ich möchte mein Leben nicht wach verschlafen und ich möchte nicht lebendig sterben. Ich möchte mich selbst überraschen, mich nicht vor dem Fluss des Lebens schützen, sondern in der Phantasie der Erwartung der Veränderung schwimmen. Wir leben in einer freien Gesellschaft, heißt es. Das schließt die Freiheit der Verantwortlichkeit ein - was wollen wir mit unserem Leben anfangen? Ich bin Journalistin. In Berlin habe ich 2019 meinen Bachelor in Publizistik und Kommunikationswissenschaften und Politikwissenschaften gemacht. Neben einigen Praktika in Medienhäusern und Redaktionen hat mir mein Job als Barista in einem Berliner Cafe noch am Besten gefallen. Ich habe mich durch sämtliche redaktionelle Linien, die es nicht gibt, haha, eingeschränkt gefühlt. Ich kann für Zeitungen schreiben, aber nicht nur. Ich brauche einen Raum vollkommener geistiger Freiheit, ohne Einschränkung der Wortzahl oder des Vokabulars. Ich interessiere mich besonders für den Krisenjournalismus. Ende 2019 habe ich für einige Monate an der türkischen Westküste in einem Flüchtlingscamp gelebt und gearbeitet. Ich habe zum ersten Mal gespürt, wie verschoben die Berichterstattung ist und wie viel Verantwortung Journalist*innen tatsächlich tragen. Sie bestimmen das Weltbild von ganzen Nationen, sie haben Einfluss auf alle Subsysteme, sie haben so viel mehr Macht, als ich dachte. Die Presse ist nicht überall auf der Welt frei. Zensur ist keine Dystopie, sondern eine Tatsache.

Ich schreibe diesen Blog aus zwei Gründen. Ich möchte aus meiner Perspektive über Dinge berichten, die mir wichtig erscheinen. Ich möchte Vergessenes und Unwichtiges aufzeigen, Blickwinkel verändern und eine kritische Sichtweise aktivieren. Ich möchte polarisieren und diskutieren, sortieren und einordnen. Ich möchte Komplexität wegnehmen und als Erkenntnis auf den persönlichen Horizont schütten. Das Leben ist bunt. Ich möchte nicht nur die Bipolarität der Welt, sondern all ihre Graustufen aufzeigen. Ich möchte ermutigen, laut zu sein. Gleichzeitig möchte ich über meine Reise berichten, meinen Weg, im Leben anzukommen und weiterzugehen, und klar zu kommen, in einer ver-rückten Welt. Ich möchte absurde Gedanken und tiefe Gefühle teilen, Unsicherheiten und Ängste, Träume und Wünsche, Weltschmerz und Liebeskummer. Ich möchte Menschen daran teilhaben lassen, denen es ähnlich geht, die sich verstanden fühlen wollen, im Universum des Unverstandenseins. Ich schreibe an alle Looser und Streber, Autisten und Süchtigen, an alle, die denken, dass sie anders sind, ein bisschen seltsam vielleicht. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, friends.

Stell dir vor, es ist Krieg - und keiner geht hin.
Wenn wir alle damit beschäftigt sind, uns selbst und die Erde in der wir leben, besser kennenzulernen, aufhören, uns zu vergleichen, nach Liebe, und nicht nach Macht streben, was wäre die Welt dann für ein Ort?

3 Kommentare

Verschachtelt

  • Kira  
    Liebe Chrissi,
    ich habe mich sehr gefreut, als du mir heute von diesem Blog erzählt hast. Ich bin schon sehr gespannt, bald mehr von dir hier zu lesen, denn du bist ein sehr inspirierender Mensch, dessen Gedanken nur geteilt werden sollten. Danke für deine Kraft und deine Lebensfreude, die mich immer wieder mitreißt!
  • Marley  
    Mir fehlen die Worte Chrissi! Toller Blog, inspirierender Text - ich habe Gänsehaut bekommen. Bin aus Zufall auf deinen Blog gestoßen und bin echt begeistert, wie gut du deine Gedanken in Worte fassen kannst. You go girl!
  • Coco  
    Liebe Chrissi,
    du inspirierst jetzt schon jeden Tag die Menschen um dich herum! Ich freue mich ganz viel von dir zu lesen und zu sehen was dein Absurditätsbarometer noch so zu bieten hat. Kuss, Coco

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